Ärzte in der Krise

von Redaktion

Nie waren Ärzte wichtiger als heute – ausgerechnet jetzt geraten Mediziner selbst in die Krise. Täglich helfen sie vielen Corona-Patienten, doch alltägliche Behandlungen leiden nun deutlich darunter. Um bis zu 80 Prozent sinkt dadurch der Umsatz – einige Praxen fürchten nun auch um ihre Existenz.

VON ANDREAS THIEME

Die Situation ist dramatisch. Deswegen kommt Engelbert Fiehl (59) gleich zur Sache. „Wir haben einen deutlichen Patienten-Rückgang zu verzeichnen, in Summe rund 60 Prozent“, sagt der ärztliche Leiter des Facharztzentrums am Laimer Platz. Rund 140 000 Euro betragen die monatlichen Fixkosten für die moderne Praxis in der Fürstenrieder Straße, die Versicherungen und die Gehälter für zwölf Ärzte sowie 20 medizinische Angestellte.

Ein Blick durch alle Abteilungen zeigt: Es herrscht Alarmstimmung. Engelbert Fiehl rechnet vor: Im HNO-Bereich kommen aktuell 60 Prozent weniger Patienten, in der Kardiologie und Neurologie bis zu 40 Prozent. Besonders schlimm betroffen sind Anästhesie und Labor: „Hier beträgt der Ausfall 100 Prozent, denn alle ambulanten Operationen wurden abgesagt.“

Das Facharztzentrum ist kein Einzelfall in München. „Es geht allen niedergelassenen Praxen schlecht. Ich weiß das von vielen Kollegen“, sagt Fiehl. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern bestätigt die teils dramatischen Umsatzeinbrüche. „Wir stellen fest: Viele Patienten bleiben aktuell zu Hause, etwa weil sie fürchten, sich im Wartezimmer anzustecken“, sagt Sprecher Axel Heise. Die wirtschaftlichen Folgen für Ärzte seien noch nicht exakt vorhersehbar.

Besonders schlimm trifft es die Zahnärzte. „Bundesweit gehen wir von bis zu 80 Prozent weniger Behandlungen aus“, sagt Christian Berger, Chef der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns. Derzeit sollen nur unbedingt erforderliche Behandlungen durchgeführt werden. Dies führe zu einem erheblichen Rückgang der Umsatzzahlen in den Praxen. Aber: Im Gegensatz zu Allgemeinmedizinern, Fachärzten oder Psychotherapeuten profitieren Zahnärzte nicht von dem Rettungsschirm, den der Bundesrat bereits Ende März aufgespannt hat. Demnach soll es Umsatzgarantien geben.

Für Engelbert Fiehl eine wichtige Maßnahme. „Seit 1. April sind unsere Mitarbeiter nun in Kurzarbeit. Wegen der ausbleibenden Patienten arbeiten sie nur noch 50 Prozent.“ Auf Dauer ein Problem für den Arzt. „Wenn ich private Mittel einsetze, könnten wir diese Situation noch rund vier Monate lang stemmen.“ Danach wird es eng.

Doch Fiehl liegt es fern zu jammern – er und seine Kollegen helfen, wo sie können. Auch Corona-Verdachtsfälle kommen in ihre Praxis. „Wir treffen natürlich entsprechend hohe Hygiene-Maßnahmen.“ Andere Patienten brauchen sich nicht zu sorgen. Im Gegenteil: „Im Moment herrschen eigentlich luxuriöse Verhältnisse – jeder kriegt seinen Wunschtermin.“ Gerade Herzschrittmacher-Patienten sollten jetzt nicht ihre Behandlung abbrechen, rät der Arzt.

Für sich selbst hat er kurzfristig Maßnahmen treffen können: Für zwei Monate muss er keine Miete zahlen und Sozialversicherungsbeiträge für Angestellte lassen sich stunden. Auch die monatlichen Abschlagszahlungen der Krankenkassen laufen weiter – sie reichen aber „bei Weitem nicht aus, um unsere Fixkosten zu decken“, sagt Fiehl. Abrechnungen von Privatpatienten füllen im Regelfall die Lücke. Doch nun sei auch die Politik gefragt, den Medizinern zu helfen.

Derweil machen Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung die Krise sichtbar: Von den 17 648 Arztpraxen im Freistaat waren Ende vergangener Woche 244 geschlossen. Zudem haben mehr als 1500 Praxen ihre Arbeit reduziert, die meisten zwischen 30 und 50 Prozent.

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