Zwei Buchungen in zwei Wochen

von Redaktion

VON NINA BAUTZ

„Wie wäre es denn mit dem Allgäu?“ – „Ach, ich vertraue Ihnen da. Ich brauch einfach mal einen Tapetenwechsel.“ Stammkundin Sofia Pournara (75) ist für Tourismuskauffrau Patricia Slutschak (24) eine willkommene Abwechslung. Für gewöhnlich sind ihre Kunden im ADAC-Reisebüro am Sendlinger Tor derzeit nicht so fröhlich. Wo sie sonst die schönste Zeit des Jahres planen, geht es in der Corona-Krise fast ausschließlich um zerstörte Urlaubsträume. Am Nachbartisch führt Slutschaks Kollegin Katja Maier ein Telefonat nach dem anderen. Immer wieder fallen die gleichen Begriffe und Sätze: „Rückerstattung“, „Storno“, „Das kann ich Ihnen leider noch nicht sagen“, „Ich bitte Sie weiter um Geduld“.

In den meisten Fällen haben die Kunden für ihre stornierten Buchungen noch kein Geld erhalten. „Die Ungeduld erschwert unseren Arbeitsalltag schon sehr. Aber wir sind nur Vermittler und können die Vorgänge nicht beschleunigen. Wir werden leider auch mal angeschrien oder bekommen Vorwürfe zu hören“, sagt Katja Maier. Dabei leiden sie und ihre Kollegin oft mit, berichtet Patricia Slutschak. „Kürzlich mussten wir eine Hochzeitsreise nach Südafrika stornieren. Die hatten wir bis ins kleinste Detail mit sehr viel Herzblut geplant. Das tat mir schon sehr leid.“

Der Tourismus gehört mit dem Luftverkehr und dem Gastgewerbe zu den Branchen, die die Pandemie am schwersten trifft. Der Präsident des Branchenverbandes BTW, Michael Frenzel, sagte, die Branche verliere fast elf Milliarden Euro Umsatz bis Mitte Juni. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts haben im April 43 Prozent der Reisebüros beschlossen, Beschäftigte zu entlassen oder befristete Verträge nicht zu verlängern. Ende April gingen Reisebüro-Vertreter am Odeonsplatz auf die Straße. „Wir haben keine Einnahmen, und wir müssen sogar Einnahmen von 2019 zurückzahlen für gebuchte Reisen, die jetzt nicht stattfinden können“, berichtete dort Reiseveranstalterin Claudia Mades. „Kleine Reisebüros haften mit Haus und Hof.“

Das ADAC-Reisebüro am Sendlinger Tor ist mit dem großen Club und 21,5 Millionen Mitgliedern im Rücken nicht in seiner Existenz bedroht. Dennoch habe man „massive Einbrüche“ zu verzeichnen, heißt es vom ADAC Südbayern. Doch Not macht erfinderisch: Zusätzlich zu den Österreich-Vignetten verkaufen die Mitarbeiter nun auch Mund-Nasen-Masken und Handhygiene-Sets. Zudem können Kunden Gutscheine für bis zu 70 Prozent günstigere Hotel-Angebote im kompletten deutschsprachigen Raum auf einer neu entwickelten Internetseite erwerben.

Die Angestellten Patricia Slutschak, Katja Maier und viele ihrer Kollegen sind derzeit in Kurzarbeit tätig. Normalerweise sitzen hier fünf Angestellte, heute sind es zwei. Seit 27. April hat ihr Reisebüro überhaupt erst wieder geöffnet. Neue Kunden bleiben aus. Am Vortag sei ein einziger hierhergekommen, zur Beratung. Zwei Buchungen verzeichneten sie in den vergangenen zwei Wochen: eine nach Österreich, eine für einen deutschen Center Park. „Gerade Senioren bleiben trotz der gerade verkündeten Grenzöffnungen zum Beispiel nach Österreich weiter vorsichtig“, so Patricia Slutschak.

Die 75-jährige Stammkundin Sofia Pournara ist eine Ausnahme. Die gebürtige Griechin ist leidenschaftliche Weltreisende und musste bereits Reisen nach Griechenland und Mauritius stornieren. „Ich warte nur darauf, dass ich wieder reisen darf.“ Vorerst will sie sich mit einer Fahrt ins Allgäu begnügen. Patricia Slutschak schlägt ihr ein bestimmtes Hotel in Hopfen am See vor. Fast alle Um- oder Neubuchungen gehen in deutsche oder österreichische Ziele, und das wird wohl auch die ganze Saison so bleiben. „Normalerweise macht das den geringsten Teil aus“, sagt die Tourismuskauffrau. „Immerhin: So werde ich noch zur echten Deutschlandexpertin.“

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