Die Giftmischerin ist gefasst

von Redaktion

VON STEFANIE WEGELE

Die Verunsicherung der Münchner in den vergangenen Tagen war groß. Denn bei ihrem täglichen Einkauf im Supermarkt mussten sie plötzlich aufpassen, da eine tödliche Gefahr in den Regalen lauerte: Jemand hatte Gift in Getränke gemischt und die Flaschen ins Regal gestellt. Die Polizei setzte alles daran, um den Täter oder die Täterin schnell zu fassen, gründete die 22-köpfige „Soko Tox“ und arbeitete mit Profilern und Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) zusammen.

Am Samstag meldete das Präsidium dann in einer eilig einberufenen Pressekonferenz einen raschen Ermittlungserfolg: Am Freitagabend wurde eine 56-jährige Münchnerin festgenommen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) teilte mit: „Ich bin überaus erleichtert über die heutige Festnahme. Die vergifteten Getränkeflaschen haben Kunden und Supermarktbetreiber gleichermaßen in Angst und Schrecken versetzt.“

Verräterische DNA-Spur

Überführt wurde die Frau zum einen durch DNA „an Stellen, wo sie nur die Täterin verursachen konnte“, so Mordkommissionschef Josef Wimmer, und zum anderen durch eine EC-Kartenzahlung. Bereits in der Vergangenheit ist die Münchnerin mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten (siehe Kasten). Da sie eine ausgeprägte psychische Erkrankung hat, wurde die 56-Jährige in der Psychiatrie untergebracht. Wenn sie nicht fachkundig behandelt werde, könnte sie gefährlich bleiben und weiter derartige Taten begehen, sagte Staatsanwalt Laurent Lafleur am Samstag. Da die Münchnerin heimtückisch vorging und mit dem Tod der Menschen rechnen musste, die in diesem Moment völlig arglos waren, wirft die Staatsanwaltschaft ihr vierfachen versuchten Mord vor.

Was die 56-Jährige dazu trieb, Getränke mit tödlichen Mengen eines Lösungsmittels zu versetzen, ist völlig unklar. Möglicherweise mischte die Münchnerin sogar zwei unterschiedliche Substanzen in die Softdrinks. Sie äußere sich nicht, beziehungsweise sei das, was sie sagt, nicht unbedingt nachvollziehbar, so Wimmer. Auch auf die Frage, ob es noch weitere vergiftete Getränke gibt, antworte die Frau nicht. Fest steht laut Wimmer, dass weder ein Drohbrief noch ein Erpresserschreiben aufgetaucht sind, wie es in der Vergangenheit bei ähnlich gelagerten Lebensmittel-Vergiftungen der Fall war. Das machte es den Ermittlern schwer, eine Spur zu finden.

Täterin handelte zielgerichtet

Nach aktuellem Stand der Ermittlungen muss die 56-Jährige die Getränke außerhalb der Geschäfte vergiftet, in zwei Supermärkte in der Nähe ihres Wohnortes im Münchner Westen geschmuggelt und während des Einkaufs unauffällig wieder ins Regal gestellt haben. Dabei handelte es sich sowohl um unterschiedliche Lebensmittelketten als auch um unterschiedliche Getränkehersteller.

Tückisches Gift wird immer gefährlicher

Wie berichtet, kauften im März und April in mindestens drei Fällen Kunden ein vergiftetes Getränk und tranken davon. Zwei Frauen (34, 42) mussten in Kliniken behandelt werden. Laut Wimmer habe die Substanz das Getränk säuerlich-bitter schmecken lassen, sodass die Betroffenen es sofort wieder ausspuckten. Zum Glück. Denn das Lösungsmittel wird mit der Zeit geschmacks- und geruchsneutral, behält jedoch seine tödliche Wirkung. Das heißt: Hätten die Opfer die Flaschen erst Tage später geöffnet und – durch keinerlei Beigeschmack gewarnt – leer getrunken, hätte das ihren sicheren Tod bedeutet. Denn laut Lafleur überstieg die giftige Menge in den Getränken die tödliche Dosis um ein Vielfaches.

Weil sie nur geringe Mengen schluckten, sind laut Wimmer bei den beiden Frauen und dem Mann (48) keine Langzeitfolgen zu erwarten. Details zur Substanz machen die Ermittler nicht, um Nachahmungstaten zu vermeiden.

EC-Karte führt Fahnder zur Verdächtigen

Da die Münchnerin in einem der Geschäfte, in dem eine vergiftete Flasche gefunden worden war, mit EC-Karte bezahlt hatte, kamen die Ermittler ihr auf die Spur. Als sie die Wohnung der sozial isoliert lebenden Frau durchsuchten, fanden sie einen Zeitungsausschnitt, in dem über die Giftanschläge berichtet wird. Ein DNA-Abgleich noch am Freitagabend brachte die Übereinstimmung mit den Spuren an den vergifteten Flaschen.

Seit Bekanntwerden der ersten Fälle hatte die Polizei etwa 40 Supermärkte kontrolliert. In allen hatte die 56-Jährige offenbar eingekauft – in den meisten Fällen nur Kleinigkeiten. Eine vierte vergiftete Flasche zogen die Ermittler aus dem Verkehr, bevor sie jemand kaufen konnte.

Derzeit gehen die Fahnder der Soko Tox noch 60 Hinweisen nach. Einige betreffen Münchner, denen nach dem Konsum von Getränken schwindlig und übel wurde.

Bislang sind keine weiteren manipulierten Getränkeflaschen entdeckt worden. Die Warnung zieht die Polizei deshalb zurück. Dennoch mahnt Josef Wimmer, stets darauf zu achten, dass bei neuen Getränkeflaschen der Sicherungsring unversehrt ist. „Und wenn der Geschmack nicht zu dem passt, was Sie gekauft haben: Wählen Sie die 110.“

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