Bayerns neue Waffen gegen den Krebs

von Redaktion

VON ANDREA EPPNER

München – Es ist eine kleine, medizinische Revolution, die in Bayern gerade im Gange ist – im Schatten der Corona-Krise fast unbemerkt. Sechs Unikliniken, von denen jede einzelne eigentlich nichts lieber tut, als mit den anderen um die Wette zu strahlen, haben sich diesmal verbündet. Gemeinsam wollen sie gegen einen mächtigen Feind ins Feld ziehen: den Krebs.

Mehr als 68 000 Menschen pro Jahr erhalten in Bayern diese Diagnose. Viele können heute geheilt werden oder dürfen auf mehr Lebenszeit hoffen. Doch nicht für alle gibt es Hilfe. An den Unikliniken in Augsburg, Erlangen, Regensburg, Würzburg und an den beiden Standorten in München wird daher schon lange fleißig geforscht. Im neuen Bayerischen Zentrum für Krebsforschung (BZKF) sollen sie das künftig gemeinsam tun.

„Bislang hat jede deutsche Universität die nächste Universität eher als Konkurrenz gesehen“, sagt Prof. Claus Belka, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Klinikum der Ludwig Maximilians-Universität (LMU) München. Mit dem Zentrum habe man jetzt aber eine Struktur, die dazu anrege, „die übliche Kleinstaaterei zu überwinden.“

Doch braucht’s so ein Zentrum überhaupt, mag sich da mancher fragen? Schließlich gibt es schon das renommierte Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Nur: „Onkologische Forschung ist häufig eher grundlagenwissenschaftlich ausgelegt“, sagt Prof. Florian Bassermann, Direktor der Klinik für Innere Medizin III am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität (TU) München. Mit dem bayerischen Zentrum will man jetzt einen anderen Weg gehen. „Dieser Verbund hat ganz klar zum Ziel, die exzellenten Grundlagen auch zum Patienten zu bringen“, sagt Bassermann. Dass hier eine „massive Lücke“ in Deutschland klafft, bestätigt auch Belka. „Die soll das neue Zentrum jetzt schließen.“

Die Bayerische Staatsregierung will das neue Zentrum mit einer kräftigen Finanzspritze zum Leben erwecken: Rund 150 Millionen Euro werden in den kommenden fünf Jahren an die Unikliniken fließen – aber erst ab 2021. Für heuer gab es zum Aufbau noch eine halbe Million Euro aus dem Nachtragshaushalt oben drauf.

Damit will man sich nicht allzu lange aufhalten, sondern möglichst schnell neue Therapien zu den Kranken bringen. Dafür ist das Netzwerk der Kliniken ideal – etwa durch die größere Zahl der Patienten. So können selbst gute Studien scheitern, wenn es an genug Teilnehmern fehlt – und das ist dank individuellerer Therapien immer öfter der Fall. Über das Netzwerk lassen sich Patienten aus anderen Unikliniken viel leichter einbinden. Damit jeder Arzt schnell nachschauen kann, welche Studien an den anderen Kliniken laufen, soll eine zentrale Datenbank aufgebaut werden.

Doch nicht nur Patienten in den großen Städten sollen profitieren. Damit auch Menschen auf dem Land einen besseren Zugang zu neuen Therapien erhalten, wird schon heute ein Bürgertelefon freigeschaltet: Unter der kostenfreien Rufnummer 0800/85 100 80 (Mo. bis Fr. von 8.30 bis 12.30 Uhr) erhalten Patienten, Angehörige und Interessierte nicht nur Antworten auf allgemeine Fragen zum Thema Krebs. „Geht es um konkretere Fragen, werden sie direkt an die richtigen Spezialisten im nächsten Zentrum weitergeleitet“, erklärt Prof. Wilko Weichert, Direktor der Pathologie am Klinikum rechts der Isar. „So erfährt jeder schnell, wo er hingehen muss, um Spitzenmedizin in Bayern zu bekommen.“ Allgemeine Informationen finden Interessierte ab heute auch auf der neuen Internetseite des Zentrums unter www.bzkf.de. Die wird noch ausgebaut. Zum Start gibt es aber schon einen Erste-Hilfe-Wegweiser für all jene, die gerade ihre Krebsdiagnose erhalten haben. Bald sollen hier auch viele Broschüren zum Download folgen. Die Idee dazu kam von Patienten: „Wir haben bei den Selbsthilfegruppen gefragt, was gebraucht wird“, sagt Prof. Julia Mayerle, Direktorin der Medizinischen Klinik II des LMU-Klinikums. Denn auch das ist ein Ziel des Zentrums: „Patienten sollen mehr Stimme bekommen.“

Mit bestimmten Projekten dürfen die Unikliniken übrigens auch weiter um die Wette strahlen – nun aber gemeinsam: So soll es innerhalb des Verbundes an jedem Standort sogenannte Leuchttürme geben. Gemeint sind einzelne Bereiche und Strukturen, die eigens gefördert werden und bei denen „ein Klinikum voranpreschen darf“, wie es Belka nennt. Diese Exzellenzstrukturen sollen dann an allen Standorten unterstützend zur Verfügung stehen.

Noch müssen sich die Kliniken allerdings erst einigen, welche Leuchttürme an welchem Standort besonders strahlen dürfen. Klar ist: Die Leuchttürme sollen sich gut ergänzen und dadurch einen Mehrwert für alle im Verbund schaffen – und vor allem natürlich für Patienten.

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