Die Stadt verneigt sich

von Redaktion

VON KLAUS VICK UND NADJA HOFFMANN

OB Dieter Reiter (SPD) trug sich am Montag als Erster ins Kondolenzbuch ein. „Ich trauere um Hans-Jochen Vogel. Mit ihm verliert Deutschland, verliert München einen großen Sozialdemokraten und leidenschaftlichen Politiker. Alle Münchnerinnen und Münchner werden ihn nie vergessen“, schrieb Reiter. Auf den nächsten Seiten folgten Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) und die dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). Habenschaden schrieb unter anderem: „Seine visionäre Kraft und sein Streben nach einer gerechteren Gesellschaft haben mich stets beeindruckt.“

Es ist aber vor allem eine Vokabel, die viele der Kondolierenden verwenden: Verneigung – Verneigung vor einem großartigen Menschen. Als „Jahrhundert-Münchner“ wurde Vogel einmal tituliert. „Das wohl schönste Attribut für ihn“, wie Reiter meint. Die Ehrenbürgerwürde wurde Hans-Jochen Vogel bereits im Juni 1972 verliehen, kurz nach Ende seiner Amtszeit.

Das Kondolenzbuch liegt im Rathaus im Durchgang zum Prunkhof bis zur Trauerfeier aus. Der Beerdigungstermin steht noch nicht fest. Vogels Eltern sind im Friedhof Bogenhausen begraben. Aufgrund der Corona-Pandemie dürfte es schwer werden, eine Trauerfeier in großem Rahmen zu organisieren. Bürger können sich Montag bis Freitag von 7 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr ins Kondolenzbuch eintragen. Aufgrund der geltenden Pandemie-Bestimmungen wird gebeten, ein eigenes Schreibgerät mitzubringen. Bis zum morgigen Mittwoch tragen alle städtischen Gebäude Trauerbeflaggung.

Reiter hatte Ende November 2019 noch einmal direkten Kontakt mit Vogel, als dieser im Salon des Café Luitpold sein Buch „Mehr Gerechtigkeit“ vorstellte. Wenige Wochen zuvor wurde Vogel auf dem Münchner SPD-Parteitag gefeiert, als der Alt-OB eine Video-Botschaft an seine Genossen richtete: Kämpferisch und aufrichtig wie eh und je, aber sichtlich schon geschwächt von seiner Parkinson-Erkrankung. Es war Vogels letzter öffentlicher Auftritt. Bis zuletzt in engem Kontakt mit ihm stand die Münchner SPD-Chefin und Bundestagsabgeordnete Claudia Tausend. Am 18. Mai sei der letzte Brief Vogels bei ihr eingetroffen. Danach habe sie mit ihm telefoniert: „Ich höre mich besser an, als ich mich fühle“, erinnert sich Tausend an Vogels Worte. Sie sei gewohnt gewesen, dass ihr Vogel alle 14 Tage einen Brief schrieb. Vor allem deshalb, weil sich Tausend im Bundestag für eine Novelle des Bodenrechts einsetzte – Vogels großes Thema an seinem Lebensabend.

Zu den letzten Besuchern, die in den zwölften Stock des Augustinums in Großhadern gefahren sind, gehörte Norbert Walter-Borjans. Der SPD-Bundesvorsitzende hat Vogel im Februar persönlich zu seinem 94. Geburtstag gratuliert. „Er war gesundheitlich angeschlagen, saß im Rollstuhl“, erinnert sich der Sozialdemokrat auf seinem Twitter-Account an das letzte Treffen. Ansonsten sei das SPD-Urgestein ganz der Alte gewesen: „wacher Verstand, klare Werte, präzise, beharrlich“. Passend dazu postet Walter-Borjans ein Foto aus dem gemütlichen 81-Quadratmeter-Domizil mit den vielen Bücherregalen und dem rustikalen Holzschrank im Wohnzimmer.

Dass die Vogels 2006 aus freien Stücken ihre Wohnung im Lehel gegen das Appartement im Seniorenwohnheim getauscht haben, sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Der ehemalige OB war der berühmteste Bewohner der Einrichtung. „Sie waren hier zu Hause“, sagt Augustinum-Sprecher Matthias Steiner. Und bittet um Verständnis, dass sich das Haus in keiner Weise zu dem Trauerfall äußern möchte.

Wie alle Heime in der Republik war auch der Komplex an der Lindauer Autobahn über viele Wochen wegen Corona geschlossen. Das heißt: Wie alle 600 Bewohner konnten auch die Vogels keine Besucher mehr empfangen. Die beiden blieben im Lockdown in ihrer Wohnung und bekamen wegen der geschlossenen hauseigenen Restaurants ihre Mahlzeiten geliefert. „Wir halten telefonisch Kontakt nach außen“, sagte Vogel im März zum „Spiegel“. Zu den Kindern und Enkelkindern, zu Bruder Bernhard, der in Göttingen lebt – dem Geburtsort der Gebrüder Vogel.

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