Schriller Kampf um Pflegekräfte

von Redaktion

VON SARAH BRENNER

Sonnige Hinterhöfe, hölzerne Hollywoodschaukeln und ein hauseigener Hühnerstall – nach Wochen der Isolation kommt endlich wieder mehr Leben in die Seniorenheime. Die Jahresbilanz der Münchenstift, die gestern im Haus an der St.-Martin-Straße präsentiert wurde, zeigt: Die Bewohner fühlen sich wohl in ihrem Zuhause – 88 Prozent der Befragten würden sich wieder für den städtischen Heimträger mit seinen 13 Einrichtungen entscheiden.

„Unser Ziel ist es, unsere Bewohner mit Recht und Würde zu behandeln“, sagt Geschäftsführer Siegfried Benker. Dazu gehöre neben einer offenen Kommunikation auch ein hohes Maß an Transparenz, Zuverlässigkeit und Respekt. Außerdem sei man in den einzelnen Einrichtungen gerade dabei, die Digitalisierung voranzutreiben. „Nicht, um Kosten zu sparen und künftig nur noch Roboter einzusetzen“, so Benker, „sondern, um mehr Zeit für die Pflege freizuschaufeln.“ Zeit für die Menschen, Zeit für Projekte, die das (Zusammen)Leben lustiger machen. Projekte wie den hauseigenen Hühnerstall. Der kommt bei den Bewohnern sichtlich gut an. Klar! Schließlich sind die gackernden Neuzugänge ein willkommenes Stück Abwechslung nach Wochen der Isolation. Doch auch Lichtblicke wie diese können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Branche seit Jahren mit gravierenden Herausforderungen kämpft.

Fachkräftemangel

Den Heimen fehlt’s an Fachkräften, und der Wettbewerb wird immer verbissener ausgetragen. „Seit vier, fünf Jahren werden sogenannte Rekrutierer auf Abschlussfeiern und Fortbildungen geschickt, um Personal an- beziehungsweise abzuwerben“, erzählt Nina Fuchs, Geschäftsführerin einer privaten Pflege-Einrichtung. Die Erfolgsquote sei relativ hoch. Schließlich würden bei einem Wechsel des Arbeitgebers oftmals Antrittsprämien von mehreren Tausend Euro winken. „Und auch für die Abwerber springt was raus.“

Von Mitarbeitern habe sie außerdem erfahren, dass mittlerweile sogar Stellenangebote bei eBay Kleinanzeigen locken. „Ein Unding“, findet Fuchs. Schließlich leide die Pflegequalität unter solchen Maßnahmen. Die Stimmung in den Heimen, so die Geschäftsführerin, sei daher oftmals angespannt.

Arbeitsbedingungen

Sascha Rakers (33) ist seit elf Jahren in der Pflege tätig. Der Münchner kennt die Branche – weiß, wo’s hakt. „Eines der größten Probleme unserer Zeit ist“, so Rakers, „dass sich kein Pfleger mehr traut, Missstände öffentlich anzusprechen – aus Angst vor den Konsequenzen.“ Dabei sei die Zeit reif für einen Aufschrei. „Wer in der Pflege arbeitet“, erklärt der 33-Jährige, „muss einiges aushalten.“ Doch aufgrund der Pandemie, die das ganze System noch einmal neu auf den Prüfstand gestellt hat, sei die Grenze des Möglichen erreicht. Ein Ende der Misere? „Nicht in Sicht.“

Corona

„Wir blicken voller Sorge in die Zukunft“, bestätigt auch Siegfried Benker, Geschäftsführer der Münchenstift. Die Angst vor einer zweiten Corona-Welle ist groß. „Wir haben in den vergangenen Wochen wirklich alles getan, um unseren Bewohnern das Leben im Haus zu erleichtern“, sagt Benker. „Doch wenn einem Menschen seine Liebsten fehlen, hilft leider nicht viel.“ Nicht mal ein hauseigener Hühnerstall.

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