Das Online-Lexikon Wikipedia gibt es auch auf Scots. Das ist eine Sprache, die von einer Million Menschen in Schottland gesprochen wird. Nun hat sich herausgestellt, dass 20 000 Artikel auf dieser Plattform vom gleichen Autor verfasst wurden: einem amerikanischen Teenager, der überhaupt kein Scots spricht. Im Internet geht das, da darf jeder alles. Und jeder Trottel findet im Netz Menschen, die ihn für einen Experten halten.
Dass ein Laie den Experten gibt, ist mir nicht fremd. Denn erstens wohne ich in München, wo man so gerne italienisch wäre, aber oft nicht über den Pizza-Leberkäs hinauskommt. Und zweitens arbeite ich beim Film. Im Studium drehte ein Kommilitone einen Kurzfilm, für den er keine Schauspieler, sondern Studienkollegen besetzte. Es war ja nur eine kleine Regieübung, für den Hausgebrauch quasi. Ich spielte einen von fünf Sechziger-Fans, die vor einem Fernseher sitzen – und ich war unfassbar schlecht. Zu allem Unglück schaffte es die Besetzungsliste des Films ins Internet. Und deshalb gibt es heute noch Seiten, auf denen ich als Schauspieler geführt werde. Ich entschuldige mich in aller Form bei den Menschen, die diesen Beruf seriös ausüben.
Jahre später bekam ich ein Drehbuch für einen bayerischen Film angeboten, das eine Hamburger Autorin geschrieben hatte. Die hatte sich scheinbar darauf verlassen, dass man Bairisch lernt, wenn man einmal bei einer Zugfahrt nach Wien in Nürnberg umsteigt. Das gipfelte dann in einem Dialog, in dem ein neunjähriges Kind seine alleinerziehende Mutter nach ihrem romantischen Abend mit einem Mann fragt, und zwar mit der Formulierung: „Und, hosd ei’zipfet?“ Ich legte das Drehbuch zur Seite und wusch mir die Augen mit Seife aus. Der Film wurde meines Wissens nie gedreht.
Letztlich ist das eine traumhafte Perspektive für den amerikanischen Teenager, der sich als Scots-Experte ausgab. Wenn er nach München kommt und zum Film geht, dann wird er Karriere machen. Wahrscheinlich schnappt er mir in ein paar Jahren Jobs weg. Das ist aber nicht so schlimm. Ich werde dann einfach Opernsänger und/oder Fliesenleger. Und nebenbei schreibe ich einen Heimatroman, auf Sächsisch.
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