Sperrmüll – der Blick in unser Leben

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Am 24. September lag in den Briefkästen unserer Wohnanlage in der Maxvorstadt – Vorder- und Hinterhaus, Altbau – ein Schrieb der Hausverwaltung: Ankündigung einer Sperrmüllaktion. Die Frohbotschaft lautete: „Sie können nicht mehr benötigte Gegenstände zum Donnerstag, 01. Oktober 2020, im Durchgang abstellen.“ Ab dem Abend des 24. September dann starker Pendelverkehr zwischen Kellerabteilen und Erdgeschoss. Besagter Durchgang, hoch, lang und breit genug, dass man in ihm einen Umzugswagen parken könnte, füllte sich.

Entrümpelung ist immer ein Seelenstriptease. Die Menschen zeigen, was sie einmal waren und schon lange nicht mehr sind. Wir haben in unserem Haus noch nie jemanden seine Ski zum Auto tragen und sich in Wintersportkleidung in selbiges hineinsetzen sehen – doch nun stand da eine ganze Palette ehemaliger Völkl-Racetiger- und Fischer-Worldcup-Modelle. Aber: Ski sehen halt schnittig aus, sie sind bunt, die Mängel erkennt man mit bloßem Auge nicht – darum braucht es einen Anstoß, sich von ihnen zu trennen.

Aber so ist das bei allen Sachen. Unsere Hausgemeinschaft besteht offenkundig aus leidenschaftlichen Sammlern von Lattenrosten und ausgebleichten Sonnenschirmen. Wenn ein neues Bett geliefert wird, schmeißen wir das alte also noch nicht weg (was ist, wenn man Besuch unterbringen muss?), und in Sonnenschirmen stecken wohl Erinnerungen an Zeiten, als man auf dem Balkon freiwillig seine Freizeit verbrachte – heute sitzt man dort, weil man wegen Corona nicht ordentlich verreisen kann. Apropos nicht verreisen: Auch viele Koffer wurden abgestellt. Und – auch das bemerkenswert: riesige Kübel mit Farbe. Man kennt das: Man hat beim letzten Renovieren eine zu große Menge gekauft, um nicht ein zweites Mal in die Hölle Baumarkt fahren zu müssen. Die Reste bewahrt man also auf für Nachbesserungen, die vorzunehmen man keine Lust hat. Und wenn wieder eine Renovierung fällig wäre, sind die Farben längst eingetrocknet. Weg mit ihnen. Jetzt. Ist ja anonym.

Spannend war nun noch, ob all das Zeug, das da im Durchgang stand, wirklich mitgenommen würde. Denn Sperrmüll bedeutet ja eigentlich nicht, dass alles hingeschmissen werden kann, sondern unterliegt genormten Regularien (wie der Autor dieser Kolumne weiß, seit er für die extra bestellte Entsorgung mal einen Schrank zerlegte und die Hälfte dagelassen wurde, weil sie Elemente von Glas enthielt und irgendwelche verbotenen Scharniere). Nun, es war ein Krimi. Er zog sich über zwei Tage und drei Abtransport-Etappen. Als am Nachmittag des 2. Oktober Ski, Snowboards, meine vorletzten Skistiefel (ich behalte sie mal, falls die neuen doch drücken – O-Ton 2014) anklagend im Durchgang standen, wollte ich meine seit fünf Jahren nicht mehr gefahrenen Ersatz-Carver in den Keller zurücktragen. Ein paar Stunden später war alles weg. Wie von Zauberhand. So viel Vergangenheit – gelöscht. Schade.

Sie erreichen den Autor unter Guenter.Klein@ovb.net

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