Geheimer Gastrogipfel

von Redaktion

VON STÉPHANIE MERCIER

Im Minutentakt halten Taxis und Autos vorm Augustinerkeller an der Arnulfstraße, schnell huschen die Ankömmlinge in die Wirtschaft. Mal verrät die Maskenaufschrift „WirtshausWiesn“, „Augustiner“ oder „Görreshof“, dass sich dahinter ein Wirt verbirgt, mal kann man vom Fahrzeug, auf dem ein Brauereislogan oder ein Restaurantname klebt, darauf schließen. Die Gastronomen sind gekommen, um an einem geheimen Gipfel teilzunehmen. Eine Premiere – wie ein Restaurantbesitzer unserer Zeitung bestätigte. „Dass die Wirte sich untereinander und nicht über den Verband organisieren, das hat es noch nie gegeben.“

An dem Gipfeltreffen haben so viele Gastronomen teilgenommen, dass neben dem Festsaal mit 600 Sitzplätzen noch ein weiterer Raum im Augustinerkeller dafür genutzt werden musste. Mit dabei waren unter anderem Wiesn-Wirt Christian Schottenhamel, die Hochreiters (Biergarten am Viktualienmarkt) und Vertreter vom Blauen Bock. Geladen hatte der Pächter des Augustinerkellers, Christian Vogler, der erst Anfang Oktober in den Schlagzeilen stand, weil er eine Millionen-Klage gegen seine zahlungsunwillige Versicherung gewonnen hatte. Diese musste ihm 1,014 Millionen Euro für die Kosten der Corona-bedingten Betriebsschließung begleichen.

Planen die Gastronomen jetzt gemeinsame Sache zu machen, wenn’s ab Montag in den nächsten Lockdown geht? Mit einem grundlegenden Anlauf war zuletzt ein Berchtesgadener Wirt gescheitert, wie das Verwaltungsgericht gestern berichtete. Der Unternehmer wollte mit einem Eilantrag erreichen, dass er auch während des regionalen Lockdowns Gäste bewirten darf. Sebastian Kuffler, Wirt des Weinzelts auf der Wiesn, sagte kurz vor der Veranstaltung: „Ich glaube, dass es heute in erster Linie um den Austausch geht.“ Und so war es letztlich auch, wie ein Wirt, der anonym bleiben möchte, nach der Veranstaltung bestätigte: „Zusammenfassend kann man sagen, dass Ratlosigkeit und Verzweiflung die Veranstaltung dominiert haben.“ Zudem hätten viele seiner Kollegen gegen Christian Schottenhamel gewettert. „Die sind stinksauer!“, sagte der Gastronom. Schottenhamel ist der Vorsitzende des Münchner Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA und hatte ähnlich wie Vogler seine Versicherung auf Schadensersatz verklagt. Er akzeptierte aber eine außergerichtliche Einigung, was einige Wirte verärgerte. Sie hatten darauf gehofft, dass Schottenhamel mit seiner Klage ein Exempel für die ganze Branche statuiert.

Viele Wirte stehen am Rande ihrer Existenz, sie haben in den vergangenen Monaten zigtausende Euro in Hygienekonzepte gesteckt und teils hohe Einbußen verzeichnet. Die Hoffnung der Wirte sei nun der Vorschlag von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dass Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern und Solo-Selbstständige 75 Prozent des Umsatzausfalls ersetzt bekommen.

Artikel 2 von 3