Neuer Wirbel im Millionen-Diebstahl bei der Münchner Commerzbank. Im Mai 2019 war bekannt geworden, dass dort 4,62 Millionen Euro in Schließfächern fehlen. Mutmaßlich gestohlen von einer Diebesbande, der die Bankangestellte Silvia F. geholfen haben soll. Sie wartet aktuell noch auf ihren Strafprozess. Doch nach Informationen unserer Zeitung arbeitet die Hauptangeklagte des Millionen-Diebstahls seit gestern wieder in der Bank.
Der Hintergrund: Vor dem Münchner Arbeitsgericht hat Silvia F. erfolgreich gegen ihre Kündigung geklagt. Bereits am 15. Oktober war dort ein Urteil zugunsten der 59-Jährigen ergangen. Die Commerzbank muss die Frau also weiter beschäftigen – obwohl die Tat noch nicht geklärt ist.
In einem Schreiben an Silvia F., das unserer Zeitung vorliegt, teilt die Bank mit: „Wir haben entschieden, nicht in die Berufung zu gehen.“ Damit ist das Urteil des Arbeitsgerichts rechtskräftig – und das Arbeitsverhältnis von Silvia F. dementsprechend „nicht beendet“. Sie wurde daher schriftlich aufgefordert, ihre berufliche Tätigkeit in der Bank „wieder aufzunehmen.“ Und zwar in der Filiale am Promenadeplatz, wo sich der Millionen-Diebstahl ereignet hatte. Dienstbeginn war dem Schreiben zufolge der gestrige Montag um 9 Uhr, wo sich Silvia F. am Personaleingang melden sollte.
Es ist ein Vorgang, der kaum zu glauben ist. Denn Silvia F. hatte zwischenzeitlich sogar in Untersuchungshaft gesessen. Die Staatsanwaltschaft führt Silvia F. weiterhin als Hauptverdächtige in dem Diebstahlsprozess, der im Januar 2020 am Landgericht begann. Insgesamt wurden sieben Personen angeklagt, vier angebliche Komplizen aber bereits im Februar freigesprochen – aus Mangel an Beweisen. Die Staatsanwaltschaft konnte ihnen die Tat nicht nachweisen.
In einem neuen Strafverfahren, das Mitte September starten sollte, ging es dann nur noch um Silvia F., ihren Sohn und einen mutmaßlichen Mittäter. Doch wegen der Corona-Pandemie ist der Prozess ausgesetzt worden und muss verschoben werden. Oberstaatsanwältin Anne Leiding sagt auf Nachfrage unserer Zeitung: „Wann der Prozess weitergeht, können wir nicht sagen.“ Voraussichtlich wird es wohl Mitte des nächsten Jahres werden. Denn: „Es steht noch ein weiteres Gutachten des Landgerichtes aus“, sagt Leiding. Dazu kommt: „Das Geld wurde bisher nicht aufgefunden und auch die genaue Summe steht noch nicht fest.“
Sascha Petzold kann darüber nur den Kopf schütteln. Der Münchner Rechtsanwalt verteidigt Silvia F. und sagt: „Es wurde schlampig ermittelt. Von der ursprünglichen Anklage bleibt mittlerweile nicht mehr viel übrig.“ Beweise gegen seine Mandantin gebe es nicht. „Es handelt sich also um einen reinen Indizien-Prozess.“ Und dieser wird, wenn er denn mal begonnen hat, wohl ein halbes Jahr lang dauern. Denn rund 50 Verhandlungstage hat das Landgericht für das Verfahren angesetzt. Mit einem Urteil vor Ende des Jahres 2021 wird daher nicht unbedingt zu rechnen sein.
Für Silvia F., aber auch für die Münchner Commerzbank ist das keine einfache Situation. „Die lange Verfahrensdauer ist für meine Mandantin eine riesige Belastung“, sagt Silvia F.s Anwalt Sascha Petzold. Denn die Vorwürfe würde die 59-Jährige erst durch einen Freispruch wieder los – was sich noch ein Jahr ziehen kann. Auch danach ist aber noch eine Revision möglich, die ein weiteres Jahr in Anspruch nehmen könnte. Umgekehrt wird der Fall auch die Commerzbank noch einige Zeit beschäftigen. Unangenehm wäre es für die Bank, sollte es zu einem Freispruch für die drei Angeklagten am Landgericht kommen. Zumal der Verbleib des Geldes ungeklärt ist.
Aktuell darf Silvia F. nun wieder arbeiten – ausgerechnet am Tatort. Die Bank will sich dazu auf Nachfrage unserer Zeitung nicht äußern.