Die Erleichterung war groß, als gleich mehrere Unternehmen einen Impfstoff gegen das Coronavirus präsentierten. Die Suche nach Medikamenten zur Behandlung der Erkrankten war dagegen etwas aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten – dabei zeigen die Zahlen der Verstorbenen, wie nötig ein wirksames Medikament wäre. Dem sind die Forscher des Biotech-Unternehmens Formycon jetzt einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Bei ihren Labortests haben sie einen Virusblocker geschaffen, der eine Infektion von Zellen mit dem Coronavirus zu 100 Prozent verhindert.
„Impfstoffe und Antikörper alleine werden in der SARS-CoV-2-Pandemie nicht ausreichen. Infizierte Personen brauchen Medikamente, insbesondere wenn sie Gefahr laufen, schwerer zu erkranken oder sogar zu sterben“, ist Formycon-Chef Carsten Brockmeyer überzeugt. Bei aller berechtigten Hoffnung: Es wird Jahre daueren, bis weltweit genügend Menschen geimpft sind, um die Pandemie wirklich zu stoppen. „Die Impfstoffentwicklung ist eine wichtige Säule im Kampf gegen die Pandemie, aber nicht die einzige“, sagt Brockmeyer. Das Präparat soll eine effektive Behandlung von Covid-19 ermöglichen – und der Pandemie so ihren Schrecken nehmen.
Der große Vorteil des von Formycon in einer Forschungskooperation mit der Virologin Prof. Ulrike Protzer und dem Biotechnologie-Professor Johannes Buchner von der Technischen Universität entwickelten Virusblockers ist, dass er auch mit mutierten Versionen des Virus zurechtkommt. „Wir machen die Tür für das Virus zu“, sagt Brockmeyer. Antikörper hingegen richten sich gegen bestimmte Regionen auf der Oberfläche des Virus – verändert es sich, funktioniert der Schutz nicht mehr.
Eine solche Mutation ist durchaus wahrscheinlich. „Durch die Impfungen dürfte sich der Mutationsdruck auf das Virus erhöhen“, sagt Brockmeyer. Doch nicht nur gegen mutierte SARS-CoV-2-Viren könnte das Medikament helfen, auch bei einer künftigen Pandemie mit einem neuen Coronavirus wäre es eine gute Grundlage für die Entwicklung eins funktionierenden Medikaments. „Wir entwickeln hier quasi ein Produkt der Daseinsvorsorge“, sagt Brockmeyer.
Zumal sich chemische Wirkstoffe, wie das zu Beginn der Pandemie hoffnungsvoll betrachteten Remdesivir, mittlerweile als untauglich erwiesen haben. Sie wirken, wenn das Virus bereits in die Zellen des Erkrankten gelangt ist, und müssen dann extrem hoch dosiert werden, wodurch häufiger Nebenwirkung auftreten.
Zur Herstellung des Präparats nutzen die Forscher körpereigene Eiweißstoffe. Im dritten Quartal soll genügend Material für Studien am Menschen vorhanden sein, eine Zulassung wäre dann im Jahr 2022 möglich. „Wir wollen da keine Schnellschüsse“, sagt Brockmeyer, der aber trotzdem auf eine zügige Zulassung hofft.
Für die weitere Entwicklung des Präparats ist die Firma allerdings auch auf Unterstützung durch die Politik angewiesen. „Wir müssen die Arzneimittelforschung genauso mit öffentlichen Mitteln fördern wie die Entwicklung der Impfstoffe“, fordert Brockmeyer.
Für das Martinsrieder Unternehmen könnte das Covid-19-Medikament zum Glücksgriff werden. „Wir haben bereits kurz nach Ausbruch der Pandemie im März mit der Entwicklung des Antikörper-Fusionsproteins begonnen“, erklärt Entwicklungsvorstand Stefan Glombitza. Mit diesen arbeiten die Forscher vor den Toren Münchens seit acht Jahren – allerdings bisher in völlig anderen Bereichen, etwa in der Rheumatologie oder der Augenheilkunde.
120 Menschen arbeiten hier, eigentlich entwickeln sie Biosimilars, also Nachahmerpräparate von Medikamenten, die keinem Patentschutz mehr unterliegen. „Auch wenn die Virologie für uns erst durch Corona in den Fokus gerückt ist, setzten wir dabei auf unser umfassendes Know-how in der Entwicklung biotechnologischer Medikamente auf,“ so Glombitza. Den Forschern war aber schnell klar, dass ihre Fusionsmoleküle einen vielversprechenden Behandlungsansatz böten. MARC KNIEPKAMP