Weihnachten läuft in diesem Jahr ganz anders ab als sonst. Und soll trotz allem ein besonderes Fest werden. Deshalb hat sich der Bayerische Musikrat eine Aktion ausgedacht: An Heiligabend sollen alle Menschen gemeinsam vom Balkon oder aus dem Fenster musizieren. Um 15 Uhr startet das größte Weihnachtskonzert unter freiem Himmel – erst wird gemeinsam „Alle Jahre wieder“, danach „O du fröhliche“ angestimmt. Texte und Noten für Sänger, Blasinstrumente und Streicher gibt es auf www.bayerischer-musikrat.de zum Herunterladen. „Wir wollen ein gemeinsames musikalisches Erlebnis schaffen“, sagt Andreas Horber vom Bayerischen Musikrat. Auch in München sind etliche Profi- und Laienmusiker bei der Aktion dabei. Unsere Reporterin hat an drei Fenster geklopft.
Musik verbindet uns
Endlich mal wieder gemeinsam singen! Julia Hofstetter macht an Heiligabend auf jeden Fall mit. „Jede Aktion, die Künstler unterstützt, finde ich toll“, sagt die 29-Jährige aus Trudering. Seit 2014 arbeitet sie selbstständig als Sängerin und Gesangslehrerin (www.julia-hofstetter.de) und zwar sehr erfolgreich – bis Corona kam. Auftritte bei Firmenevents oder Hochzeiten wurden abgeblasen, auch den Gesangsunterricht hat sie eingestellt. „Mittlerweile ist es sehr schwer, sich so eine Existenz zu sichern.“ Dabei sei die Musik gerade jetzt in dieser schweren Zeit essenziell: „Es ist eine Form, sich auszudrücken – und wichtig für unsere psychische und physische Gesundheit.“ Heiligabend verbringt Julia Hofstetter alleine mit ihrem Partner zu Hause: „Wir machen es uns zu zweit gemütlich, anders wäre uns das Risiko einer Ansteckung zu groß.“ Und um 15 Uhr wird sie ihr Fenster weit aufmachen und hofft, dass viele mitmachen: „Musik verbindet. Sie verbindet Menschen mit ihren Träumen und Herzen.“
Liadl für die Nachbarn
Schon seit März spielt Musiker Christoph Well (61), genannt Stofferl, jeden Abend um 19 Uhr ein Mini-Konzert aus dem Fenster. Klar, dass das Ex-Mitglied der Biermösl Blosn auch an Heiligabend mit musizieren wird. „Ich bin dabei“, sagt der Münchner. „Ich spiel einfach gern und wenn jemand zuhört, ist das noch schöner.“ Die Nachbarn kommen seit dem ersten Lockdown jeden Abend in den Genuss, wenn Well drei Minuten lang mit seiner Familie in Haidhausen bayerische Liadl zum Besten gibt. „Es zeigt einfach, wie schön Gemeinschaft sein kann, wenn die Nachbarn zuhören oder sogar klatschen. Und es macht die Warterei leichter.“ Heuer will er an Heiligabend außerdem noch am späten Abend ein Zeichen setzen: „Wir werden um die Mettenzeit herum ,Stille Nacht‘ spielen – das haben wir Geschwister an Heiligabend schon früher vom Kirchturm aus gemacht.“
Mit Licht und Liedern
Ganz so ruhig wie man meinen könnte, läuft Heiligabend bei der Münchner Opernsängerin Nicole Tschaikin nicht ab: Zwar ist in den Kirchen der Gemeindegesang verboten, aber trotzdem darf die 31-Jährige solo singen – und das macht sie in der Christmette um 18.30 Uhr in der Haidhauser Kirche St. Johannis. „Ich hoffe, dass ich um 21 Uhr wieder daheim bin und mein Sohn bis dahin mit der Bescherung warten konnte.“ Auch um 15 Uhr wird sie aus ihrem Fenster in der Au singen. Schon seit März gibt sie hier jeden Sonntag Fensterkonzerte, zuletzt mit ihrer Augsburger Kollegin Simone Werner. Nicole Tschaikin bietet ihre Gesangskünste in der Krise übrigens auch digital an (www.nicoletschaikin.de).