Krachen lassen für die Kultur

von Redaktion

VON KLAUS VICK

Den Geburtstag seines eigenen Sohnes vergisst man nicht. Den 16. März 2020 wird David Süß aber erst recht nie vergessen. An jenem Tag schloss der Gastronom zum vorerst letzten Mal in seinem Club „Harry Klein“ die Tür hinter sich zu. In kleinstem Kreise hatte er den 14. Geburtstag seines Sohnes dort gefeiert. Fünf Tage zuvor hatte der Techno-Club wegen des Lockdown schon offiziell den Betrieb einstellen müssen. Süß erinnert sich: „Es war gespenstisch.“ Schon damals sei ihm klar gewesen, „dass wir 2020 nicht wieder werden aufsperren können“.

Die dunkle Vorahnung des 54-Jährigen sollte sich bewahrheiten. Wie gut 60 andere Clubs in der Stadt ist das Harry Klein seit März geschlossen. Auch hunderte Bars in München konnten heuer nur zwischenzeitlich öffnen, genauso wie Theater oder Kinos. Eine ganze Branche liegt brach, die gesamte Kleinkultur ist existenziell gefährdet. Süß, der seit Mai für die Grünen im Münchner Stadtrat sitzt, beteiligt sich daher an einer landesweiten Kampagne seiner Partei zu Silvester: „LassKrachenFürKultur“.

Auch der Radiomoderator Fabian Sauer, Grünen-Mitglied in Bogenhausen, sowie die Landtagsabgeordnete aus dem Münchner Osten, Sanne Kurz, stehen hinter der Initiative. Es ist ein Spendenaufruf für die Kulturschaffenden und Gastronomen in der Stadt, die besonders hart von der Corona-Krise betroffen sind. Nach Auskunft der Grünen wurden im Vorjahr allein in Bayern 21 Millionen Euro für Feuerwerk ausgegeben. Sauer sagt: „Dieses Geld wäre heuer in den kulturellen Orten, Vereinen und Initiativen, die wir so vermissen und die durch die Krise oft vor den Scherben ihrer Existenz stehen, gut angelegt.“ Jeder kenne doch in seinem persönlichen Umfeld irgendjemanden aus der Kulturbranche, der ein wenig Unterstützung gut gebrauchen könne.

Was es bedeutet, in der Corona-Krise zur Untätigkeit verdammt zu sein und in Finanznot zu geraten, weiß David Süß von vielen Einzelschicksalen. Er selbst hat sich Ende März, nachdem klar war, dass er in den Stadtrat einziehen würde, aus dem Harry Klein vorerst zurückgezogen. Aber natürlich ist es nach wie vor so etwas wie sein Baby. Er hat den Club 2003 zusammen mit Peter Fleming in den damaligen Optimolwerken gegründet. Wenn die Bude voll ist, feiern dort rund 300 Menschen. Das Harry Klein – seit 2010 an der Sonnenstraße beheimatet – hat 90 ständige Mitarbeiter, davon 14 fest Angestellte. Die befinden sich seit März in Kurzarbeit. Das restliche Personal muss sehen, wie es über die Runden kommt: Barkeeper, DJs, Videokünstler, Grafiker, Reinigungskräfte. „Die ganze Kette ist unterbrochen“, sagt Süß, der auch Vorsitzender des Verbands der Münchner Kulturveranstalter ist. Viele dieser Freiberufler hätten es schwer, an die staatlichen Hilfen zu kommen. Eine Frau zum Beispiel, die im Harry Klein als DJ arbeitet, habe seit März erst 5000 Euro Unterstützung erhalten. Damit in München die Miete zu bezahlen, ist fast unmöglich. „Und Hartz IV zu beantragen, da fühlen sich viele an der Ehre gepackt“, weiß Süß zu berichten.

Das Harry Klein selbst erhält 80 Prozent der Betriebskosten erstattet. 20 Prozent der monatlichen Miete müssen die Geschäftsführer aber aus der eigenen Tasche bezahlen. Und es fehlt ja der Unternehmensgewinn. Laut Süß hat das Harry Klein einen Jahresumsatz von rund 1,5 Millionen Euro. Die Perspektive für 2021? Süß hofft auf Übergangslösungen für Clubs und Konzertveranstalter. „Es gibt Ideen. Wir müssen langsam wieder in die Wertschöpfungskette reinkommen.“ Dass ein Club wie das Harry Klein aber wieder ganz normal aufgsperren kann, wie vor dem 16. März 2020 – das dürfte wohl erst 2022 der Fall sein. Auch diese Vorstellung ist für einen Mann wie David Süß sehr gespenstisch.

Artikel 6 von 9