Noch nie war der Riss zwischen Stadt und Land so sichtbar. In Garmisch bespuckte ein Einheimischer ein Auto mit Münchner Kennzeichen. In Miesbach stellte ein Unbekannter ein Schild samt Mittelfinger für Menschen mit Kfz-Zeichen „M“ auf. Und der gesamte Alpenraum im Oberland klagt über die Ausflügler aus der großen Stadt. Zeit, einmal vorbeizuschauen an einem beliebten Ziel im Oberland und die Münchner zu fragen, was sie hierher treibt.
Am Hörnle-Parkplatz in Bad Kohlgrub stehen Autos aus vielen Ecken. Augsburg, Starnberg, München, Fürstenfeldbruck. Alles dabei. Das war hier schon immer so, sagt selbst der Bürgermeister. „Die Gästeklientel ist gemischt. Wir Kohlgruber sind einiges gewohnt“, scherzt Franz Degele. Von Chaos könne man im Ammertal – eine ausgezeichnete Gegend zum Wandern und Langlaufen – gewiss nicht sprechen. Vor Jahren kämpften sie ziemlich mit Falschparkern, die Einfahrten und Rettungswege blockierten. Aber die Gäste haben sich gebessert, glaubt zumindest der Ortschef. „Oder wir sind schon abgestumpft“, witzelt Degele. Eine Frage der Perspektive.
Auf jeden Fall sind auch die Parkplätze in Kohlgrub rappelvoll. Das Hörnle ist ein Berg für Familien und für Ausflügler. Die schnellsten brauchen nicht einmal eine halbe Stunde hinauf. Selbst wer Kind und Bob hinaufzieht, schafft es in einer Stunde.
Dina Sander ist mit ihren drei Kindern hinaufgelaufen. Sie war zuletzt auch in Garmisch Schlitten fahren. Kein Vergleich zum Hörnle. Viel mehr los, viel mehr Leute, tatsächlich Chaos. Sie hat auch erlebt, wie einem als Münchner Bemerkungen zugerufen werden. Sie wirbt um Verständnis bei Einheimischen. „Was sollen denn die Münchner machen? Wo sollen sie denn hin?“, fragt sie. Im Schnitt wohnt ein Münchner auf 42 Quadratmetern, hat das Sozialreferat berechnet.
„In der Stadt drehst du durch, wenn du nichts machen kannst“, sagt Juliane Mayer. Deshalb geht’s in die Berge, um wenigstens einmal die Sonne zu sehen. Ein paar Mal im Monat machen sie das schon, erklärt Freundin Tina Welther, die in Kohlgrub aufgewachsen ist. „Nur weil die Leute aus München kommen, darf man denen die Natur nicht vorenthalten“, findet Welther, die auf einem Schlitten am Gipfelkreuz sitzt.
Ein paar Meter weiter verkauft Martin Bierling in seiner Hörnlehütte Bratwürste to go. Wie Bürgermeister Degele hat er gar nichts gegen die Gäste. Vernünftig gehen hier oben alle um, findet er. „Ganz ruhig, ganz entspannt“ geht’s zu, sagt der Wirt. Womöglich werden’s bald sogar weniger Gäste, wenn tatsächlich 15 Euro für die Skitourenkarte fällig werden. Oder wenn die neue Beschränkung greift. Ab einem Inzidenzwert von 200 dürften die Münchner nicht mehr zum Hörnle. Aktuell liegt er bei 121,8 . ANDREAS MAYR