Zwei Apartment-Häusern an der Paulckestraße im Hasenbergl droht die Entmietung. Langfristig soll ein ganzer Baublock am Stanigplatz abschnittsweise saniert werden. Die Bewohner von zwei Trakten mit Ein-Zimmer-Wohnungen sind als Erstes dran. Sie sollen bis Ende März ausziehen. Betroffen sind rund 70 Wohnungen.
„Hier wohnen viele Härtefälle“, sagt Sven Karadi, der Vorsitzende der Mietergemeinschaft Paulckeblock. Körperlich Eingeschränkte, psychisch Kranke und schlicht Menschen, die sich keine andere Wohnung leisten können. Müssen die Mieter wirklich gehen, droht einigen von ihnen die Obdachlosigkeit. „Der Wohnungsmarkt in München ist leer gefegt“, sagt Karadi. „Außerdem befinden wir uns in einer Pandemie.“
Um mehr über die prekäre Lage der Menschen in den Anwesen Paulckestraße 3 und 7 zu erfahren, lud der Bezirksausschuss (BA) Feldmoching-Hasenbergl nun den Chef der Eigentümerin, der Wohnungs- und Siedlungsbau Bayern (WSB), Alfons Doblinger, zur Sitzung ein. „Während des Umbaus kann man dort nicht wohnen“, sagte Doblinger vor dem BA. „Wir haben Briefe an die Mieter geschrieben, uns um Gespräche bemüht. Eine Menge an Misstrauen kam uns entgegen.“ Nun wolle die WSB bei Treffen mit den Mietern so bald wie möglich aufklären. Direkt vor Ort im BA wollte Doblinger allerdings weder Fragen der Anwesenden beantworten noch diskutieren.
Der erste Schockbrief der WSB erreichte die Mieter der betroffenen Abschnitte im September (wir berichteten). „Wir möchten die Paulckestraße 1-9 als Sanierungsobjekt angehen“, hieß es darin. Betroffen seien zunächst nur die Häuser 3 und 7. Laut weiteren Schreiben der WSB würden alle anderen Gebäude voraussichtlich erst in zehn bis 15 Jahren saniert – und die Mieter könnten während der Arbeiten in den Wohnungen bleiben. In den aktuellen Fällen aber sei der „Auszug aus den Wohnungen unumgänglich“. Einige Mieter sind der Aufforderung bereits gefolgt.
Ein Pressesprecher erklärte, dass in den Häusern 3 und 7 „die Arbeiten nicht im bewohnten Zustand durchgeführt werden können. Ein zeitnaher Beginn wäre von Vorteil, da Firmen derzeit freie Kapazitäten haben.“ Laut erstem Infobrief würde die Immobilienfirma die Mieter bei der Wohnungssuche unterstützen. Außerdem versprach die WSB: Wer bis Ende Januar draußen sei, bekomme 5000, wer das Haus bis Ende März verlasse, 3000 Euro.
Mittlerweile gibt es mehrere Briefe. In einem bot die WSB den Bewohnern sogar 8000 Euro Ausziehprämie. In einem anderen schickte der Chef Alfons Doblinger den Mietern Weihnachtswünsche in Form einer Mischung aus Dichtung und Aphorismen-Sammlung zum Thema Covid: „Es entspricht einem gesamten, gewaltigen Plan der natürlichen Ordnung“, hieß es darin. Auch kamen bereits Mitarbeiter der WSB zum Gespräch in die Paulckestraße. Sven Karadi von der Mietergemeinschaft, der selbst von Entmietung bedroht ist, fragten sie: „Ja, können Sie nicht bei Ihren Verwandten unterkommen?“ Er antwortete wahrheitsgemäß: nein.
Ende März sollen alle betroffenen Mieter draußen sein – und wohl nie wieder dort einziehen. Karadi hatte die Mitarbeiter darauf angesprochen, ob er nach der Sanierung wieder im Haus wohnen könne. Nein, das gehe nicht. Es ging das Gerücht um, dass die Apartments in Zwei-Zimmer-Wohnungen umgebaut würden. Das aber hat die WSB gegenüber unserer Zeitung dementiert.
In der BA-Sitzung erklärte eine WSB-Mitarbeiterin, dass die Trakte mit den Hausnummern 3 und 7 extrem sanierungsbedürftig seien. Während der Arbeiten gebe es weder Strom noch Wasser. Außerdem müssten Leitungen im Boden verlegt werden. Man kalkuliere mit einer Dauer von zehn Monaten. Im ersten Schreiben an die Mieter hatte die WSB von „mindestens 12 Monaten“ gesprochen.
Temporäre Ersatzwohnungen könne die WSB nicht anbieten, vermeldete nun der Pressesprecher. Das Unternehmen verfüge nicht über die entsprechende Anzahl an freien Ersatzwohnungen. In München hat die WSB laut Website 13 660 Wohnungen.
Christian Schwarzenberger von der Bürgerinitiative „Ausspekuliert“, die für Münchens Mieter kämpft, erklärt: „Meines Erachtens will man die Leute loswerden. Das ist eine typische Masche. Man spart über Jahre an der Instandhaltung, bis das Haus saniert werden muss. Eigentlich sind ja Teile der Mieteinnahmen für die Instandhaltung gedacht. Doch in diesem Haus ist nicht viel passiert.“ Mittlerweile ist das Gebäude in einem desolaten Zustand.
Sven Karadis Wohnung ist besonders betroffen. „Bei mir wurde vor meinem Einzug vor elf Jahren nicht renoviert“, sagt er. „Es herrscht der Zustand der 60er-Jahre.“ Errichtet wurde das Gebäude 1961/62. Laut WSB befindet es sich tatsächlich im Ursprungszustand. Für Karadi bedeutet das: Die Fenster sind undicht, sodass er nachts heizen muss, um nicht zu frieren. Sobald die Heizung läuft, wird es aber laut. „Seit über zwei Jahren bemängele ich das und man hielt mich mit Briefen hin.“
Ein derart abgewohntes Haus muss irgendwann total saniert werden. Dann müssen alle Mieter raus, weil die Maßnahmen – wie es die WSB formuliert – „nicht zumutbar“ sind. Fachleute sprechen in diesen Fällen von Entmietung durch Verwahrlosung.
Wie Christian Schwarzenberger will auch Gabriele Meißner (SPD) vom Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl den Mietern helfen. Sie ist Vorsitzende des Mieterbeirats und fordert ein Treffen mit der WSB und Vertretern der Mietergemeinschaft, außerdem verlangt sie Ersatzwohnungen. Und: Die WSB müsse den Betroffenen die Umzüge zahlen.