Es war der 1. Dezember, der elfte Arbeitstag in Folge für Armin H. Das Team chronisch unterbesetzt, die Stimmung im Keller. Der extreme Lärmpegel der ständig Alarm schlagenden Beatmungs- und Dialysegeräte tat Armin H. geradezu körperlich weh. Drei schwerstkranke und instabile Covid-19-Patienten hatte er in seiner Obhut. „Diese Menschen sind so krank, wie ich es in 25 Jahren nie sah. Es sind Bilder, die sich einbrennen.“
Dreieinhalb Stunden lang hetzt Armin H. an diesem Tag in voller Schutzmontur schweißgebadet von Alarm zu Alarm: „Auf einmal drehte sich der ganze Raum um mich. Mir war extrem schwindelig, der Kopf leer.“ Er wankt auf den Flur, lehnt sich an die Wand. Die Kollegin sagt: „Du siehst ja furchtbar aus. Mach mal Pause.“ Armin geht in den Gemeinschaftsraum, stürzt einen Liter Wasser hinunter, schließt sich im Klo ein – und weint bitterlich: „Ich hatte keine Kraft mehr, konnte nicht mehr klar denken. Ich fühlte mich so hilflos und hatte Angst, das alles nicht mehr zu schaffen. Obwohl ich meinen Beruf doch liebe und weiß, dass ich es kann.“
Spät abends kommt er heim. Seine Frau fragt, wie der Tag war. Und wieder verliert er die Fassung. „Ich hatte mich nicht mehr im Griff.“ In dieser Nacht schläft er kaum. Er geht trotzdem zur Arbeit, quält sich durch den Dienst. Eine Ärztin gibt ihm die Nummer der Helpline des Vereins für psychosoziale Unterstützung (PSU). „Ich bin doch kein Psycho“, denkt er. Aber dann ruft er doch an. Am anderen Ende: Kerstin Strebe, seit 2017 aktiv bei PSU, selbst Pflegerin für Intensiv- und Anästhesiepflege. Eine Frau vom Fach, die Armins Belastungen kennt und versteht. Und dann sprudelt es aus Armin heraus. „Mir war nicht klar gewesen, was sich in mir alles angestaut hatte.“
Die verstörenden Bilder todkranker und sterbender Menschen. Die Überlebenden, die mit schweren Folgeschäden leben müssen. Die Verzweiflung der Angehörigen. Die Wut auf Corona-Leugner und niedergelassene Ärzte, die erkrankte Mitarbeiter von Intensivstationen nicht behandeln wollen. Seine Mutter, die ihn anflehte: „Bitte kündige!“ Bekannte, die ihn nicht mehr treffen wollen. Nachbarn, die im Treppenhaus vor ihm fliehen. Und auch die eigene, begründete Angst vor der Infektion: „Ich habe wie viele von uns einen Desinfektionszwang. Und oft Herzklopfen, wenn ich die Klinik betrete.“
Nach diesem langen Telefonat fühlte sich Armin wie befreit. Er ist Kerstins Rat gefolgt und hat einiges verändert. Keine Katastrophenzahlen mehr schon morgens im Bett. Die Familie hat wieder Priorität. Und es gelingt ihm wieder mühelos, auch mit den beatmeten Patienten zu sprechen, sie zu trösten und ihnen die Hand zu halten. „Das konnte ich zuletzt nicht mehr. Ich war unbewusst auf Distanz gegangen und hatte mich sehr dafür geschämt.“ Seit Armin geimpft ist, ist auch die Angst fast weg: „Bald bin ich wieder frei.“