Studie: Münchner Kitas coronafrei

von Redaktion

VON ANDREAS BEEZ

Kaum ein Lockdown-Thema wird so kontrovers diskutiert wie die Schließung von Kindergärten und Grundschulen. Bei vielen Eltern liegen die Nerven blank, weil sie die Betreuung ihrer Sprösslinge nach inzwischen über einjährigem Pandemie-Ausnahmezustand nur schwer organisieren können. Die Kleinen selbst leiden darunter, dass sie schon vor Wochen aus ihrem gewohnten Alltag herausgerissen worden sind, zudem vermissen sie den Kontakt zu ihren Freunden. Die Gretchenfrage, die unsere Gesellschaft umtreibt, lautet: Sind solche Kollateralschäden gerechtfertigt? Insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Einfluss kleiner Kinder aufs Infektionsgeschehen umstritten ist. Eine neue Großstudie von Münchner Wissenschaftlern gibt der hitzigen Debatte jetzt neue, zusätzliche Nahrung.

Sie legt den Schluss nahe, dass es in zehn städtischen Kindergärten und Schulen vor der Schließung kaum Corona-Fälle gab. Unter über 3000 getesteten Kindern, Lehrern und Erziehern fanden sich nur zwei positiv PCR-Abstriche.

Für den renommierten Virologen Prof. Dr. Klaus Stöhr ein weiterer Grund, Zweifel an der Verhältnismäßigkeit dieser Lockdown-Maßnahme zu äußern. In einem Gespräch mit unserer Zeitung (siehe unten) forderte er die Prüfung durch eine Expertenkommission. An der „Münchner Virenwächter-Studie“ waren Infektiologen der Haunerschen Kinderklinik des LMU Klinikums und Experten des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) beteiligt – darunter Studienleiter Privatdozent Dr. Ulrich von Both, Dr. Martin Hoch, Dr. Sebastian Vogel und Dr. Tilmann Schober. Sie begleiteten vom Ende der Pfingstferien bis Ende Oktober die schrittweise Öffnung von zehn städtischen Kindergärten und Grundschulen. Dabei testeten sie insgesamt 3000 Personen auf das Sars-CoV2-Virus, darunter über 2000 Kinder im Alter von zwei bis elf Jahren sowie über 1000 Lehrer und Erzieher. Das Ergebnis: Nur ein Schulkind und eine Lehrerin hatten einen positiven PCR-Test. Die Kitas waren im Rahmen dieser Großstudie coronafrei.

Für die Forschungsarbeit wurden wöchentlich in jeder teilnehmenden Einrichtung nach dem Zufallsprinzip 20 Kinder sowie fünf Lehrer oder Erzieher ausgewählt. Die Studie lief in zwei Phasen. Die erste dauerte bis zu den Sommerferien – ohne einen einzigen nachgewiesenen Corona-Fall. „Auch in der zweiten Testphase hat sich gezeigt, dass die von den untersuchten Einrichtungen umgesetzten Hygienemaßnahmen greifen und dazu beitragen, das Infektionsgeschehen niedrig zu halten“, analysiert Dr. Martin Hoch vom LGL.

Auffällig: Es gab selbst dann so gut wie keine Neuinfektionen, als die Inzidenzrate im Raum München kontinuierlich stieg. So wurden die beiden einzigen positiven Abstriche erst Ende Oktober nachgewiesen. „Da es bei wöchentlicher Stichproben-Testung nur zwei positiv getestete Fälle in der letzten Studienwoche mit hoher Inzidenz in München gab, können wir für den Studienzeitraum ableiten, dass gesunde bzw. asymptomatische Kinder, die in die entsprechende Einrichtung gehen, nicht signifikant zur Verbreitung des Virus beitragen“, erklärt Studienleiter Dr. Ulrich von Both von der Haunerschen Kinderklinik.

Sein Kollege Dr. Hoch betont allerdings, dass die Erkenntnisse nur bis zu einer damals maximal erreichten Sieben-Tages-Inzidenz von 150 gelten. Mit dem Inzidenzwert bezeichnet man die Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner – derzeit liegt der Wert bei 51,7. „Weitere Untersuchungen halten wir für sinnvoll – insbesondere vor dem Hintergrund neuer Virusvarianten.“

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