Er gilt als der Mann, auf den die Kanzlerin nicht hört. Als ihn Hamburgs SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher zur Corona-Krisensitzung einladen wollte, wiegelte das Kanzleramt ab. Dabei hätte Prof. Klaus Stöhr die Kompetenz. Der Virologe und Epidemiologe hat mehrere Regierungen zu Virusbrüchen geraten und das Sars-Forschungsprogramm der WHO geleitet. Das Merkur-Interview zur spektakulären Münchner Studie.
Wie bewerten Sie die neue Viruswächter-Studie aus München?
Es handelt sich um eine tolle Studie mit spannenden Ergebnissen. Sie bestärkt die Schlussfolgerungen einer überwiegenden Anzahl an Wissenschaftlern, wonach der Anteil der Kinder am Infektionsgeschehen deutlich geringer ist als jener der Erwachsenen. Eine große Studie aus Baden-Württemberg hat beispielsweise gezeigt, dass Kinder das Virus wesentlich seltener an Erwachsene weitergeben als Erwachsene untereinander. Interessant ist auch das Zahlenverhältnis der Generationen: Auf der einen Seite gibt es in Deutschland 43 Millionen Berufstätige, auf der anderen Seite 8,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Schulen und 3,5 Millionen Kinder in Kitas und anderen Betreuungseinrichtungen. Da stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Schließungen.
Müssen die Kindergärten und Grundschulen jetzt wieder geöffnet werden?
Das ist schwer zu beantworten. Es ist zwar unstrittig, dass auch Kinder und Jugendliche zum Infektionsgeschehen beitragen. Aber die entscheidende Frage ist doch folgende: Rechtfertigt der Vorteil, die Kindergarten- und Grundschulschließungen bringen, die dadurch entstehenden Kollateralschäden bei den Kindern und Jugendlichen? Aus meiner Sicht scheint das nicht der Fall zu sein. Ich glaube trotzdem nicht, dass die Studie bei den Verfechtern der verschärften Lockdown- und Schließungsstrategie – da gibt es ja einige sehr bekannte Vertreter – größere Beachtung finden wird.
Weil sich die führenden Politiker auf Studien berufen, die den Kindern eine größere Rolle bei der Ausbreitung des Sars-CoV2-Virus zuschreiben?
In der Tat gibt es eine Fülle von Arbeiten zu diesem Thema. Und genau deshalb wäre es wichtig, dass eine Gruppe erfahrener Wissenschaftler die Fülle der Studien zu diesem Thema analysiert, die ausgewogene Schlussfolgerungen zieht und die Politik berät. In der Regel wird ein kompetentes Fachinstitut damit beauftragt. Zumindest machen das andere Regierungen so.
Unsere nicht?
Es hat jedenfalls nicht den Anschein – auch vor dem Hintergrund, dass sich zu dieser Frage immer wieder sehr viele verschiedene medizinische Fachgesellschaften und Berufsverbände zu Wort melden.
Die Bundesregierung ist sich mit Blick auf ihre Corona-Strategie aber offenbar keiner Schuld bewusst. Am Dienstag sagte die Kanzlerin, im Großen und Ganzen sei bei Impfstrategie alles gut gelaufen. Wie bewerten Sie diesen Satz?
Das kann man auf mehreren Ebenen betrachten. Grundsätzlich ist es toll, dass internationale Firmen in so kurzer Zeit einen Impfstoff entwickeln und ausliefern konnten. Es war auch richtig, dass die Bundesregierung die Forschung mitfinanziert hat. Auch den Gedanken der europäischen Solidarität bei der Impfstoffbeschaffung finde ich richtig. Aber ich sehe die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung und ihren Umgang mit Problemen kritisch. Es war zu erwarten, dass es Impfstoff-Engpässe und Terminverschiebungen geben wird, hinter einer solchen weltweiten Impfkampagne steht eine gewaltige logistische Herausforderung. Darauf ist die Bevölkerung nicht ausreichend vorbereitet worden. Man hätte ihr genauer erklären müssen, was an Unsicherheiten und Unwägbarkeiten auf sie zukommt. Dazu wird es auch in Zukunft genügend Gelegenheiten geben.
Das Interview führte Andreas Beez