In München sind die Schäden durch falsche Polizeibeamte so hoch wie nie. „Im gesamten Jahr 2020 hat allein die speziell mit dieser Betrugsmasche befasste AG Phänomene des Polizeipräsidiums München insgesamt 6113 Fälle erfasst“, sagt Justizminister Georg Eisenreich (50, CSU) auf Anfrage unserer Zeitung.
Insgesamt 6062 Taten blieben beim Versuch, 51 wurden vollendet. Der Schaden bei den Opfern betrug rund 4,62 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 gab es 3215 Fälle in München, in 2018 waren es 2465 Fälle. Damit gilt 2020 als trauriges Rekordjahr des Trickbetrugs in der Landeshauptstadt.
„Corona hat den Tätern in die Hände gespielt“, sagt Eisenreich. Während der Pandemie hätten die Betrüger ihre Masche weiterentwickelt. Allein im November gab es 1159 Fälle, im April hingegen nur 66, was auch durch die Reisesperre zu erklären war. „Nach einem kurzen Einbruch der Fallzahlen zu Beginn der Pandemie haben sich die gut organisierten Täter leider schnell angepasst“, sagt Eisenreich. Die sinkenden Zahlen von Februar bis Mai 2020 seien unter anderem auf die Schwierigkeiten bei Ein- und Ausreisen und dem Verbringen der Beute ins Ausland zurückzuführen.
Die Schadenssummen seien erheblich, in Einzelfällen lägen sie sogar im siebenstelligen Bereich. Wie im Fall einer Münchnerin, die für drei Millionen Euro Diamanten gekauft und diese an einen Abholer übergeben hatte, der zu einer Bande Trickbetrüger gehörte. Der Täter ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft München I mittlerweile zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil ist rechtskräftig. Gegen falsche Polizeibeamte greift die bayerische Justiz hart durch: „Gerichte sind bereit, gegen die Abholer sofort Haftstrafen auszusprechen, auch wenn diese keine Vorstrafen haben“, erklärt Oberstaatsanwältin Anne Leiding.
„Die Täter arbeiten mit perfiden Tricks“, sagt Eisenreich. Per Telefon geben sich Betrüger als Polizeibeamte aus, die Senioren angeblich vor Einbrechern schützen wollten – dafür aber ihr Bargeld und Schmuck sichern müssten, die ein Kollege abhole. Eine dreiste Lüge, die zu immer höheren Schäden führt: „Im Jahr 2020 erbeuteten die Täter in ganz Bayern mehr als neun Millionen Euro“, sagt Eisenreich. Die Dunkelziffer sei hoch, denn Betroffene zeigen die Taten oft gar nicht an – aus Scham, Krankheit oder anhaltender Gutgläubigkeit.
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Viele Bürger kennen die Masche der falschen Beamten mittlerweile, wissen die spezialisierten Staatsanwältinnen Melissa Hansen und Melanie Martinez. Sie arbeiten gemeinsam mit einem Team der Münchner Polizei gegen den Trickbetrug, insgesamt umfasst die sogenannte AG Phänomene der Polizei 26 Ermittlerinnen und Ermittler. Ihre Erfahrung zeigt: Abholer können teils gefasst werden. Schwieriger ist das bei den Logistikern, die die Taten planen, und den Keilern, die die Anrufe tätigen. Denn diese Hintermänner sitzen, wie die Betreiber der betrügerischen Callcenter, meist im Ausland. Dort seien meist gleich dutzende Betrüger am Werk.
„Die Täter sind zum Teil abgeschobene türkische Staatsbürger, die in Deutschland gelebt haben und die Mentalität und Lebensweise der Deutschen sehr gut kennen“, sagen Martinez und Hansen. Sie wüssten auch, in welchen Städten vermeintlich große Summen abgegriffen werden können. Von Izmir oder Istanbul aus rufen die Betrüger dann an. Nur eine Handvoll dieser Callcenter gebe es. In München und dem gesamten Freistaat richten diese Taten aber immer größere Schäden in Millionenhöhe an.