Bald ist es ein Jahr her, der erste Lockdown hatte das Leben gerade brutal eingebremst: Da blies Christoph „Stofferl“ Well zum ersten Mal aus seinem Fenster in Haidhausen ein Trompeten-Ständchen für die Nachbarschaft. Ein Jahr später gehören diese kleinen Fünf-Minuten-„Konzerte“ immer noch zur Tagesroutine des Musikers – immer abends um sieben Uhr. Für die Nachbarn spielt er, für sich selbst. Einfach zur Freud’ – aber auch, um auf die Situation der Künstler aufmerksam zu machen. Frei nach dem Motto: „Unterhaltungsmangel ist eklatant – Kultur ist systemrelevant!“ Und wenn er spielt, ist die Krise wie weggeblasen! Wir haben mit dem Vollblutmusiker Stofferl Well, der einst mit seinen Brüdern Michael und Hans zu den „Biermösl Blosn“ gehörte und jetzt mit seinen Brüdern Michael und Karl als „Well-Brüder“ auftritt, über seine Abendständchen gesprochen.
Herr Well, wie kam es zu Ihrer Fenstermusik?
Im ersten Lockdown waren wir alle zu Hause, auch ich hatte nichts zu tun. Da dachte ich mir, die Nachbarn müssen mich jeden Tag beim Üben hören, dann spiel ich ihnen abends ein Stückerl – quasi als Wiedergutmachung. Jeden Tag fünf Minuten, zuerst aus der Nordseite in den Hof hinein, dann an der Südseite zur Straße raus.
Was spielen Sie?
Lieder, die mir schon immer gut gefallen haben. „Guter Mond, du gehst so stille“, oder „Guten Abend, gute Nacht“, oder mal einen Posaunen-Ländler. Ich spiel Trompete, Dudelsack, Harfe. Am Wochenende machen auch meine zwei Kinder Maresa und Maxi im zweiten und dritten Stock mit, mit dem Akkordeon oder der Flöte.
Wie sind die Reaktionen der Passanten?
Die Leute bleiben beim Abendspaziergang stehen, freuen sich bestenfalls, klatschen und gehen wieder heim. Beschwert hat sich jedenfalls noch keiner! Einmal hat ein Zuhörer einen Kuchen mitgebracht, ein Bub hat mir ein Bild gemalt. Besonders schön war’s im Sommer, da haben an einem Abend die Leut’ plötzlich gesagt: Stofferl, heut hörst du mal uns zu! Und sie haben für mich gesungen: „Guten Abend, gut Nacht!“
Da geht dem Musikanten bestimmt das Herz auf!
Ja, es ist schön, weil ich das Gefühl habe, Haidhausen wird dadurch wieder ein bisserl zum Dorf. Man trifft sich, hält zusammen (natürlich auf Abstand…). Und für mich persönlich ist es auch wichtig: Das tägliche Lied am Fenster bringt meinem Tag Struktur, ich strenge mich an und komme beim Vorspielen nicht aus der Übung.
Hätten Sie vor einem Jahr gedacht, dass Sie heute immer noch täglich aus dem Fenster trompeten?
Kein Mensch hätte das alles für möglich gehalten! Zuerst wurden meine Konzerte auf Juni verschoben, dann auf Juli, auf Oktober, Januar, April… Man kann sich auf nix verlassen. Die Situation vieler Künstler ist existenzbedrohend. Auch von allen, die damit zu tun haben: Instrumentenbauer, Veranstalter… Viele werden das nicht überleben! Und welcher junge Mensch entscheidet sich momentan denn dazu, Trompete zu studieren? Auch für den Musikunterricht ist es schwer. Onlineunterricht ist einfach nicht dasselbe wie Präsenzunterricht.
Wie haben Sie sich mit der Situation arrangiert?
Ich kann mich ja eigentlich nicht beschweren, hab ein Dach über dem Kopf, und meine Familie ist bei mir. Wir kochen viel, spielen Schafkopf.
Was raten Sie den Leuten?
Wichtig ist, den Humor nicht zu verlieren, wie aussichtslos es auch ausschauen mag. Wenn man über den Tod lachen kann, ist er nicht mehr so schlimm. Und wenn man über den Lockdown lacht, hält man ihn auch besser aus.
Was kriegt Ihr Publikum heute Abend zu hören?
Vielleicht hol ich heute mal das Alphorn raus – das ist lustig, weil es drei, vier Meter in die Straße hinausragt!
Das ist aber laut, oder?
Nein, es ist nicht laut fürs Ohr, aber es klingt weit hinaus, bis zum Landtag rüber, und wenn der Wind richtig steht, vielleicht bis zur Staatskanzlei …
Interview: Andrea Stinglwagner