Jetzt kommt die Schuldenwelle

von Redaktion

Die Lage ist selbst für Experten paradox. Frische Zahlen zeigen, dass die Verschuldung in München zurückgeht. Die Befürchtung ist jedoch, dass sich die eigentliche Katastrophe im Hintergrund erst noch aufbaut. Immer mehr Menschen geraten in finanzielle Schieflage – wegen der Corona-Pandemie.

Bei Zekai Karavas lief es richtig gut: In den vergangenen Jahren hat der 41-Jährige ein großes Taxiunternehmen aufgebaut – 25 Autos, 40 Mitarbeiter und ein eigenes Callcenter inklusive. Nach einem Jahr Corona ist der Unternehmer verschuldet, hat fünf Konzessionen abgegeben und steht kurz davor, Mitarbeiter entlassen zu müssen. „Ich ringe mit meinem Gewissen“, sagt er. Kein Flughafen-Betrieb, keine Messen, keine Firmenkunden, kaum private Fahrten: Die Taxler sind ein trauriges Beispiel dafür, wie Corona sehr gut funktionierende Branchen kaputtmacht.

Wie schlimm die Lage wirklich ist, findet sich noch in keiner Statistik. „Wir haben eine zähe Reaktion auf wirtschaftliche Entwicklungen“, sagte Finanzexperte Patrick-Ludwig Hantzsch am Montag bei der Vorstellung des „SchuldnerAtlas 2020“, den die „Creditreform“ für die Stadt München erstellt. Die aktuellen Zahlen zeigen Folgendes: Zum vierten Mal in Folge gibt es weniger Menschen mit heftigsten Geldproblemen. „Derzeit sind rund 108 200 Verbraucher in der Stadt überschuldet – rund 1900 weniger als im Vorjahr“, sagt „Creditreform“-Chef Philipp Ganzmüller.

Dennoch erkennen die Fachleute einen negativen Trend: „Die Zahl arbeitsloser und langzeitarbeitsloser Menschen hat zugenommen.“ Durch die Pandemie, Kurzarbeit, Jobverlust oder den Wegfall von Aufträgen oder Engagements wird die Lage für immer mehr Bürger schwierig. Schon vier von zehn Haushalten haben Einkommenseinbußen. Der Mittelstand bekommt Schwierigkeiten, wenn etwa Kredite nicht abgezahlt werden können.

„Wir sehen die Entwicklung mit größter Sorge“, sagte Münchens Sozialreferentin Dorothee Schiwy. Bei der Schuldnerberatung habe sich die Zahl der Anfragen „mehr als verdoppel“, eine „ähnliche Explosion“ gebe es bei den Anträgen für Sozialwohnungen, Wohngeld und Unterhalts-Vorschüsse. Die Referentin und appelliert an Betroffene, Beratungs- und Unterstützungsangebote anzunehmen. Die gibt es zum Beispiel für Familien, die technische Geräte für das Homeschooling brauchen. Für Menschen, die Probleme haben, ihre Miete oder Mietnebenkosten zu zahlen. Oder für Rentner, denen kaum etwas bleibt. Bei der Grundsicherung im Alter würden 60 Prozent der Berechtigten die Hilfen nicht annehmen. „Dabei muss sich niemand schämen“, sagt Schiwy.

Taxi-Unternehmer Karavas hat sich schon vor dem ersten Lockdown beraten und seine Kreditwürdigkeit prüfen lassen. Er konnte seiner Firma mit einer Finanzspritze aus dem Privatvermögen helfen, Kredite aufnehmen und so die Zeit überbrücken, bis Hilfs- und Überbrückungsgelder des Staates fließen. Aber alles hat seine Grenzen: Um auf den Stand vor Corona zu kommen, schätzt Karavas, werde er locker zehn bis 15 Jahre brauchen. NADJA HOFFMANN

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