Mitgliederboom bei den Grünen

von Redaktion

VON KLAUS VICK

Bei der politischen Bewertung des Höhenflugs der Grünen taucht regelmäßig eine Frage auf: Sind die Grünen bereits eine Volksparteì? Häufig gibt es darauf eine Antwort: Sie sind zumindest eine Großstadtpartei. Auf München trifft diese Einschätzung uneingeschränkt zu. Bei der Stadtratswahl 2020 und der Landtagswahl 2018 erreichten die Grünen in der Landeshauptstadt jeweils Rekordergebnisse um die 30 Prozent. Die CSU wurde klar auf Platz zwei verdrängt.

Auch in der Anzahl der Parteieintritte spiegelt sich dieses Hoch wider. Im Oktober 2018 wurde das 2000. Mitglied begrüßt, im März 2020 Nummer 3000. Mittlerweile sind es 3400. Die Stadtvorsitzende Ursula Harper sagt: „Nachdem die Kandidatur von Annalena Baerbock bekannt gegeben wurde, haben wir einen regelrechten Boom erlebt.“ Das spüre man auch am großen Interesse „für unsere Online-Veranstaltungen“. Nach Auskunft der Münchner Grünen gab es allein seit dem 19. April – dem Tag der Kandidatenkür Baerbocks –knapp 100 Neueintritte.

Steigerungsraten, von denen die „echten“ Volksparteien CSU und SPD nur träumen können. Die Münchner CSU hatte Ende 2017 rund 6300 Mitglieder, zum Jahresende 2020 waren es 6194, aktuell sind es 6140 – davon gehören 1251 der Jungen Union (Grenze: 35 Jahre) an. „Besondere Ausschläge sind bei uns nicht zu verzeichnen“, sagt Bezirksgeschäftsführer Frank Gübner. Der designierte neue Münchner CSU-Chef, Justizminister Georg Eisenreich, ist dennoch nicht unzufrieden mit der Entwicklung: „Wir hatten seit Januar 2020 mehr Eintritte als Austritte. Und das in nicht ganz leichten Zeiten.“ Die sinkende Gesamtzahl der Mitglieder habe mit Sterbefällen zu tun. Sein Ziel sei, „dass wir für junge Menschen und Frauen noch attraktiver werden“.

Bei der SPD ging es nach einem zwischenzeitlichen Hoch in den Jahren 2017 (Mitgliederstand: 5512) und 2018 wieder kontinuierlich bergab. Die Zahl der Mitglieder lag zeitweise bei 5700 und sank – Stand jetzt – auf 5256. Nach der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz im Jahr 2017 habe es eine einzigartige Eintrittswelle gegeben, berichtet die Stadtvorsitzende Claudia Tausend. Auch die Präsidentschaft von Donald Trump spielte damals eine Rolle. Doch der Schwung bei der SPD ist abgeebbt. Die Anzahl der Jusos ist ebenfalls wieder rückläufig. Tausend: „Unser Problem ist die Altersstruktur. Wir haben nach wie vor mehr Sterbefälle als Neueintritte.“ Dennoch sei die Münchner SPD sogar noch deutlich jünger als im Bundesdurchschnitt der Partei.

Die FDP erlebt hingegen einen Aufschwung – wenn auch nicht in einem Ausmaß wie bei den Grünen. In den ersten vier Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der Mitglieder von 1389 auf 1505. Nach Auskunft des Stadtvorsitzenden Michael Ruoff berichten Neumitglieder überwiegend, „dass die konstruktiv-kritische Rolle der FDP in Bund und Land zur Pandemiebekämpfung und unser Eintreten für Grund- und Bürgerrechte in diesem Zusammenhang wesentliche Beweggründe für den Beitritt sind“. Die Linke pendelt seit zwei Jahren bei einer Mitgliederzahl von rund 650. Im Jahr 2017 hatten erst 430 Münchner ein Parteibuch der Linken. Die AfD hat aktuell rund 400 Mitglieder.

Dass der Mitgliederboom bei den Grünen auch bei der Bundestagswahl im September seinen praktischen Niederschlag finden könnte, bestätigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa. Demzufolge würden Stand jetzt alle vier Münchner Wahlkreise an die Grünen gehen. Dies dürfte die CSU in Alarmstimmung versetzen: 2017 gewannen die Christlich-Sozialen relativ klar alle Direktmandate in der Landeshauptstadt.

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