„Unser Betrieb wird plattgemacht“

von Redaktion

VON KLAUS VICK

Jan-Christoph Gockel hält eine Puppe in der Hand. Es ist ein Skelett aus dem Fundus der Kammerspiele. Den in den Sitzungssaal strömenden Stadträten streckt er die gruselige Figur entgegen und ruft ihnen zu: „Wo wollt ihr da noch was abschneiden?“ Übersetzt heißt das wohl: Ihr spart unser Theater kaputt.

Gockel ist einer von 150 Protestierenden, die sich am Mittwoch vor dem Löwenbräukeller versammelt haben – dem Ausweichquartier für die Vollversammlung des Stadtrats, um die Mindestabstände einhalten zu können. Die Demo richtet sich gegen den Beschluss der Rathaus-Mehrheit, dass die Kammerspiele die Tariferhöhung für 2022 aus eigenen Rücklagen bestreiten müssen. Gockel sagt: „Das geht an unsere Substanz.“

Der 39-jährige Regisseur, Mitglied der künstlerischen Leitung, befürchtet, dass in den kommenden Jahren bis zu zehn Prozent der rund 600 Arbeitsplätze bei Kammerspielen, Schauburg und Otto-Falckenberg-Schule gefährdet sein könnten. Der heutige Beschluss sei der Auftakt zu einem „Spar-Marathon“, ahnt er. Die skelettierte Puppe hat er bewusst zu diesem Protest des Bündnisses „KulturBildungSoziales“ mitgenommen: „Man beschneidet hier keine Hecke, sondern die Wurzeln.“ Ulrich Heyer, seit 34 Jahren Theatermeister bei den Kammerspielen, pflichtet ihm bei: „Unser Betrieb wird hier gerade plattgemacht.“

Auch Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel solidarisiert sich mit den Protestierenden. Sie spricht von einem „fatalen Signal für die deutsche Kulturlandschaft“. Mundel betont, dass die Kammerspiele nicht so reich seien, wie es immer dargestellt werde. 80 Prozent des 38 Millionen Euro umfassenden Budgets seien Personalkosten. Viel finanzielle Manövriermasse beim Einsparen bestehe also nicht. Außer bei den Beschäftigten. „Es ist wichtig, dass wir das klarmachen.“ Gleichwohl verstehe sie, dass sich die Stadt in einer großen Haushaltskrise befinde. Bund und Freistaat müssten den Kommunen hier stärker unter die Arme greifen.

Während der Stadtratssitzung setzen sich dann vor allem CSU und Linke – eine seltene Allianz – dafür ein, dass die Stadt auch 2022 die Tariferhöhung übernimmt. CSU-Stadträtin Beatrix Burkhardt erklärt: „Wir sollten hier ein Zeichen für die Theaterszene setzen.“ Marie Burneleit (Die Partei), die auch für die Linke spricht, erklärt: „Es darf nicht passieren, dass wir für ein Theater bekannt werden, das sich keine Inszenierungen mehr leisten kann.“

Die Rathaus-Regierung von Grünen und SPD verteidigt ihre Entscheidung. Grünen-Fraktionschef Florian Roth, der sich zuvor intensiv mit den Protestierenden unterhalten hat, sagt: „Sparen hat auch mit Solidarität zu tun.“ So habe die Stadt in schweren Zeiten die freie Kulturszene mit einem zusätzlichen Zuschuss in Höhe von 400 000 Euro unterstützt. Roth: „In der freien Szene verdienen die Leute deutlich weniger.“ Er betont, dass die Tariferhöhung – es handelt sich für 2022 um eine Summe in Höhe von 486 000 Euro – ja bezahlt werde. Nur eben aus den eigenen Rücklagen der Kammerspiele, die nach seinen Worten bei rund 2,7 Millionen Euro liegen. Diesen Weg für ein Jahr zu gehen, sei zumutbar. Roth versichert: „Die Kammerspiele werden nicht untergehen. Sie sind das beste deutsche Theater.“ Julia Schönfeld-Knor vom Regierungspartner SPD äußert sich ähnlich, auch die FDP unterstützt die Vorgehensweise der Stadtregierung.

Kulturreferent Anton Biebl (parteilos) kritisiert derweil, dass die Beschäftigten der Kammerspiele „zu Unrecht verunsichert werden“. München sei und bleibe eine Kulturstadt, sagt er und erinnert an die Eröffnung der Interimsphilharmonie, des Volkstheaters im Herbst, an die Sanierung des Gasteigs, die zahlreichen Stadtteilzentren. Biebls Appell: „Es darf keine Verteilungskämpfe innerhalb des Kulturbetriebs geben.“

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