Das Rätsel um Lilienthals Absturz

von Redaktion

VON NINA BAUTZ

Der Raum ist kühl, die Luftfeuchtigkeit muss konstant um 50 Prozent liegen. Restauratorin Charlotte Holzer vom Deutschen Museum arbeitet in ihrem Atelier in der Schleißheimer Flugwerft am wertvollsten Objekt der Luftfahrtabteilung: einem Original-Normalsegelapparat von Otto Lilienthal. Heute vor 125 Jahren stürzte der Luftfahrt-Pionier, der die Tragfläche erfand, mit solch einem Gerät am Gollenberg in Brandenburg ab und starb tags darauf. Flug-Detektivin Holzer und ihre Kollegen versuchen gemeinsam mit anderen deutschen Wissenschaftlern noch immer, das Todesrätsel zu lösen.

Das erste Serienflugzeug der Welt, das nur durch die Verlagerung des Körpergewichts gesteuert wurde, war an sich sehr stabil. Das weist Charlotte Holzer in genauen Laboranalysen nach. „Die Flügel mit einer Spannweite von 6,50 Meter bestehen aus sehr dichtem Baumwollgewebe, das mit einem Kleber aus erwärmtem Mehl-Wasser-Gemisch befestigt wurde.“ Ihre Theorie: „Lilienthal war vor seinem Absturz viel mit einem stabileren Doppeldecker unterwegs und war dann etwas aus der Übung, den einfachen Gleiter zu bedienen.“ Ihr Kollege aus dem Deutschen Museum, Kurator Andreas Hempfer, hat folgende Theorie: „Dieser Normalsegelgleiter war für solch halsbrecherische Flugversuche wie an diesem Tag gar nicht ausgelegt.“ Lilienthal habe seine eigenen Leistungen übertreffen wollen. „Er hat das Fliegen immer als Sport angesehen.“ Das Problem: Lilienthal sei für diesen Flugapparat zu hoch und zu langsam geflogen. „Durch einen Strömungsabriss ist er dann wie ein Stein heruntergefallen.“

Markus Raffel vom Institut für Aerodynamik und Strömungstechnik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR kann diese Theorie bestätigen. Er ist der erste und bislang einzige Forscher, der 2018 selbst mit einem Nachbau des Unglücks-fliegers in Kalifornien in der Luft schwebte und daraus Erkenntnisse gewann. „Lilienthal ist auf schätzungsweise 15 Meter Höhe geflogen, ausgelegt ist er aber auf etwa acht Meter. Und auch für solche Windböen, wie es damals an diesem Tag gab, war der Normalsegelapparat nicht gedacht.“ 1903, nur sieben Jahre nach Lilienthals Absturz, führten die Gebrüder Wright, die amerikanischen Pioniere, den ersten kontrollierten und motorisierten Flug durch. Ohne die Vorarbeit des deutschen Kollegen wäre das wohl nicht möglich gewesen.

Das Deutsche Museum hat insgesamt knapp 60 Objekte zu Otto Lilienthal in der Sammlung – verteilt auf die Museumsinsel, die Flugwerft Oberschleißheim und Depots des Museums. Neben obigen Normalsegelapparat sind darunter auch drei Versuchsflächen (aus Papier, Holz und Messing), mit denen Lilienthal gewölbte Flügelprofile testete. Ebenfalls in der Sammlung: fünf Profil-Leisten (also die wichtigen Teile, die die Tragflächenwölbung im Flug erhielten) von einer kleineren Version des Normalsegelapparats. Hinzu kommt im Archiv der größte Teil des bisher bekannten Nachlasses von Otto Lilienthal.

Morgen, am 10. August, präsentieren Experten bei einer nicht öffentlichen Veranstaltung im Deutschen Museum den aktuellen Forschungsstand zu seinem tragischen Unglück. Die Veranstaltung wird ab 18 Uhr live gestreamt: www.deutsches-museum.de/museumsinsel/ausstellungen/livestream-lilienthal

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