Neulich im Zug war alles eigentlich wunderbar: Der EC fuhr absolut pünktlich in den Bahnhof von Salzburg ein und aus ihm heraus. Alle Leute hatten sich, wie ich auch, ordentlich da aufgereiht, wo der jeweilige Waggon laut Plan zu stehen kommen würde. Es herrschte fast schon englische Disziplin. Niemand drängelte, jeder ließ die Aussteiger tatsächlich aussteigen und drückte sie nicht im Eifer des Ich-komm-als-Erster-rein wieder zurück. Wir sortierten uns ordentlich und verpassten vermeintlichen Trödlern oder Rambos mit dem Koffer nicht den kleinsten blauen Flecken.
Ich selbst war etwas angespannt, weil ich auf der Fahrt nach München meine Theaterkritik schreiben wollte – aber nicht sofort meinen Sitz fand. Wo war Nummer 35? Eine Dame wies mir den Weg. Ach so, ich musste ins Abteil, nicht in den Großraum-Teil. Noch angespannter war ich, als der glücklich gefundene Platz besetzt war. Ich zeigte dem Mann meine Karte samt Reservierung, wurde freilich abgeschmettert. Er habe selbst eine Platzkarte genau für 35, sitze schon seit Graz hier und sei bereits mehrfach kontrolliert worden. Ich sah mich schon, hingequetscht neben seine Koffer, meinen Laptop aufklappen und total verkrampft schreiben. Da als Deus ex Machina: der Schaffner.
„Können Sie uns helfen“, bremste ich den Vorbeigehenden. Er ließ sich meinen Fahrschein zeigen. Und den des Mannes. Der erzählte, dass seine Frau gerade draußen wäre und er nicht wisse, wo die Karten seien, redete was von „schon kontrolliert“, „Graz“ und so fort. Da weder der Zugbegleiter noch ich uns bewegten, wühlte er doch die Tickets hervor. Blitzschnell gab’s eine Lösung: „Hier ist Wagen 11, Ihre Karten gelten für Wagen 14“, erklärte mein Retter ruhig – und das Ehepaar verzog sich, plötzlich sehr freundlich, mit Sack und Pack. Ich stürzte mich aufseufzend in die Arbeit.
Verwundert war ich als lang gediente Theatergeherin nicht. Denn auch dort ist Kartenlesen nicht leicht: obwohl man weder die Patience-Regeln kennen noch wissen muss, was es beim Tarot bedeutet, wenn die Hohepriesterin auf den Mond trifft. Aber auch nur mit Reihe und Sitz kann es zu konfliktgeladenen Szenen kommen. Und die Zukunft scheint düster zu dräuen. Die neue Freundin mit Kunst und einem Platz in der ersten Reihe beeindrucken – keine schlechte Strategie. Aber Obacht, ist es erste Reihe im dritten Rang oder doch im Parkett? Und was sieht das Paar von da aus? Nur die halbe Bühne oder lediglich die Schuhsohlen der Schauspieler. Darüber hinaus zu beachten: Links ist nicht Mitte links; die erste Reihe ist nicht die erste, wenn davor A, B, C stehen, und, und, und.
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