Unzählige Geschichten gibt es über die Rolling Stones in München zu berichten: Etwa die vom lebendigen Hahn, den sich die Rock-Heroen in ihr Hotel Vier Jahreszeiten liefern ließen. Was mit dem Federvieh geschah? Unklar. Alben wurden aufgenommen, etwa in Giorgio Moroders berühmtem Musicland. In den Eisbachstudios haben sie geprobt, ließen sich in Circus Krone, Olympiahalle und -stadion feiern. Nebenbei verschlissen sie Groupies en masse. Das prominenteste: Uschi Obermeier. In Schwabing sah man sie zechen, von demolierten Hotelzimmern wird berichtet.
Bei den Skandalgeschichten blieb einer außen vor: Charlie Watts, der Weltklasse-Drummer, der sich lieber einen Anzug in der Maximilianstraße kaufte, während die Bandkollegen noch den letzten Rausch ausschliefen.
Wen immer man heute nach dem Musiker fragt, schwärmt von Watts freundlicher Zurückhaltung. Herbert Hauke (66) etwa, Gründer des Münchner Rockmuseums im Olympiaturm, erinnert sich an eine Szene, die er vor etlichen Jahren selbst beobachtete: „Charlie unternahm einen kleinen Spaziergang Richtung Stadtmitte. Ich sah, wie eine Frau stolperte – er eilte hin und half ihr ganz galant und charmant wieder auf die Füße“, erzählt er. „Dabei hatte er sich selbst offenbar am Finger verletzt. Das fand ich umso berührender, weil seine Hände schließlich sein Kapital waren.“ Es sei nicht eben einfach gewesen, Watts nahe zu kommen: „Er war nicht unhöflich, er hat einfach nie die Öffentlichkeit gesucht.“
Trotz aller Zurückhaltung sei Watts Herz und Motor der Band gewesen, der jetzige Verlust: unsäglich. „Er konnte mit den Rampensäuen neben ihm gut umgehen, war wie eine Art Dauermediator, das ist wichtig für die Chemie in einer Band.“ Er erinnere sich noch an eine Pressekonferenz in den 90ern, als Charlie Watts aufstand und minutenlangen Beifall bekam – peinlich berührt nahm er ihn entgegen.
Hauke sagt: „Man hat die restlichen Stones bewundert, aber Charlie Watts geliebt.“
Pete York (79), ehemaliger Schlagzeuger der Spencer Davis Group, der heute bei München lebt, war seit den 60er-Jahren mit Watts befreundet. Sie lernten sich auf einer gemeinsamen Tour kennen, teilten sich – der Logistik wegen – das Schlagzeug. Beide verband die Liebe zum Jazz, gemeinsame Sessions hätten „viel Spaß gemacht“. „Er wusste, dass er ein Star war, aber er war immer freundlich zu allen Leuten, nie arrogant. Er war ein ,nice guy’.“ Die Freundschaft hielt bis zuletzt, wann immer die Stones nach München kamen, trafen sich die beiden. „Charlie hat meine Frau Mecky und mich immer in seine Garderobe eingeladen.“
Dort habe Watts ihn einmal gefragt: „Pete, was machst du heute eigentlich?“ Es sei zu der Zeit gewesen, als York mit Helge Schneider auf der Bühne stand. Und so habe er dem berühmten Freund gesagt: „Ich habe in den letzten Jahren mit einem sehr netten Menschen gearbeitet – einem Komiker.“ Und Charlie Watts trockene Antwort daraufhin: „Ah, das mache ich auch!“