Obdachlosengruppe spendet für Flutopfer

von Redaktion

VON ANDREAS DASCHNER

Warum er Geld gegeben hat, obwohl er selbst kaum etwas hat, darüber braucht Alfred S. nicht lange nachzudenken. „Anderen geht’s noch schlechter“, sagt der 72-Jährige, der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er lebt in der Wohngruppe des Wohnhilfe-Vereins für obdachlose und chronisch erkrankte Männer im Haus an der Verdistraße 45 in Obermenzing.

Der finanzielle Rahmen von Alfred S. und seinen Mitbewohnern ist eng gesteckt. „Sie bekommen 150 Euro im Monat“, sagt die stellvertretende Leiterin der Einrichtung, Claudia Sperl. Kleidergeld ist in dieser Summer bereits enthalten. Dazu plagen sich die Bewohner mit allerlei eigenen Sorgen herum. Viele haben ein Alkoholproblem, manche sind auch psychisch erkrankt.

Vielleicht war es ihr Wissen darum, wie es ist, alles verloren zu haben. Jedenfalls mussten knapp zehn Bewohner nicht lange überlegen, als sie den Aushang am Schwarzen Brett sahen. Die Heimleitung fragte: Wer will etwas für die Flutopfer spenden? Am Ende kamen beinahe 300 Euro zusammen, die von den Mitarbeitern des Hauses an der Verdistraße auf 500 Euro aufgestockt wurden.

Auch Arthur Schlenz griff auf sein spärliches Erspartes zu und warf etwas in die Spardose in Form eines Euro-Zeichens, die im Haus die Runde machte. Der 65-jährige Landsberger lebt seit zehn Jahren im Haus an der Verdi-straße und ist Vorsitzender des Heimbeirats, der Vertreterorganisation der Bewohner. Die Flutkatastrophe hat er genau verfolgt.

„Ich habe alles im Fernsehen gesehen“, berichtet Schlenz. Er habe gesehen, wie Autos in den Fluten einfach fortgerissen wurden. Wie einige Menschen vor den Wassermassen gerade noch in den ersten oder zweiten Stock flüchten konnten. Wie das abfließende Wasser ein einziges Trümmerfeld zurückließ. „Man kann den Opfern nur alles Gute wünschen, und dass es schnell wieder aufwärts geht“, sagt Schlenz.

Um die Menschen im Westen Deutschlands zu unterstützen, beantragten einige Bewohner sogar eine Sonderauszahlung, wie Claudia Sperl berichtet. „In der Regel bekommen sie einmal wöchentlich einen Teilbetrag“, sagt die stellvertretende Einrichtungsleiterin. Manche griffen auch auf Geld zurück, dass sie in den Wochen und Monaten zuvor mühsam angespart hätten.

Von den Mitarbeitern hat unter anderem Heiko Müller dazu beigetragen, den Betrag auf 500 Euro aufzustocken. Der 48-Jährige arbeitet erst seit 1. Juli als Fachkraft in der Wohngruppe, war 35 Jahre lang beim Roten Kreuz. „Das geht beruflich nicht mehr“, sagt er. „Darum wollte ich die Menschen wenigstens mit einer Spende unterstützen.“

Besonderen Eindruck hinterließ der Bewohner Wilhelm Groiß bei Sperl. „Er hat sogar zweimal etwas gegeben.“ Der 60-Jährige gibt sich selbst bescheiden, möchte nichts zu seinen Gründen für seine doppelte Spende sagen – wie viele andere Bewohner auch, die gar nicht oder nicht namentlich in der Zeitung erwähnt werden wollen.

Dabei ist es für viele fast schon selbstverständlich geworden, Menschen zu unterstützen, die in noch größerer Not sind als sie selbst. Die Opfer der Flutkatastrophe waren nicht die ersten, für die die Bewohner gesammelt haben. „Wir haben unter anderem auch schon für Opfer eines früheren Erdbebens in Haiti, für ein Kinderhospiz oder für ein Kinderhaus in Pasing gegeben“, sagt Sperl.

Einige greifen dafür regelmäßig auf ihr spärliches Geld zurück, wie zum Beispiel Wieland Köhler. „Ich bin hier, seit die Wohngruppe 2004 eröffnet wurde, und habe schon öfter etwas gegeben“, sagt der 73-Jährige. Auf die Frage, warum er dieses Mal wieder gespendet hat, zuckt Köhler nur mit den Schultern. Die Frage, so scheint es, stellt sich für ihn gar nicht. Er hat die dramatischen TV-Bilder aus den Flutregionen gesehen. Das genügt.

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