„Die schiere Anzahl der Opfer ist erdrückend. Sie lähmt und macht betroffen. Gibt uns aber nur einen scheinbaren Eindruck von der Dimension der NS-Verbrechen. Das Individuum bleibt dahinter unscharf. Es bleibt die Frage: Wer waren diese Frauen und Männer?“, sagte Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Vizepräsident des Landtags, in seiner Ansprache. Genau dieser Frage will die neu gestaltete Gedenkstätte nachgehen.
Bei einem Großteil der auf dem Ehrenhain Bestatteten handelt es sich um Gefangene des KZ Dachau, die in den Jahren 1933 bis 1942 in dem Lager starben. Einige von ihnen wurden wiederum im Rahmen der sogenannten Aktion 14f13 in die Tötungsanstalt Hartheim überstellt und dort ermordet. Sie waren Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Zusammenfassend: „Menschen, die nicht in die Weltanschauung der Nationalsozialisten passten und daher der Verfolgung und dem massenhaften Mord freigegeben wurden“, so Freller.
Außerdem sind mehrere hundert „Euthanasie“-Opfer hier bestattet – sie wurden aufgrund ihrer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen von den Nationalsozialisten als „unwertes Leben“ angesehen und systematisch in den Tötungsanstalten Sonnenstein, Bernburg, Grafeneck und Hartheim ermordet.
Diese Opfer des Nationalsozialismus soll der Ehrenhain aus der Anonymität holen und ihnen ihre Namen zurückgeben, die einst von ihren Peinigern durch Häftlingsnummern ersetzt wurden. „Die Neugestaltung des Ehrenhains ist dabei mehr als eine Geste für die Opfer und ihre Angehörigen. Der Ort wird sichtbar. Die Schicksale, die uns schmerzlich vor Augen führen, was die Folgen von Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus sind, werden sichtbar. Sie werden zur dauerhaften Mahnung und Verpflichtung für uns“, stellte Freller klar.
In seiner Rede erinnerte Freller an einige der Verstorbenen. Etwa an den Hilfsarbeiter Valentin Geis. „Er gehörte der im Untergrund agierenden KPD-Gruppe in Hösbach in Unterfranken an. Nach seiner Verhaftung wurde er 1935 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. An deren Ende stand für ihn jedoch nicht die Freiheit, sondern die Überstellung ins KZ Dachau, wo er im Januar 1941 starb. Als Todesursache ist das Versagen von Herz und Kreislauf angegeben. Die tatsächlichen Umstände seines Todes sind unbekannt.“
Ebenfalls unbekannt ist die Ursache für den Tod des damals 27-jährigen jüdischen Widerständskämpfers Hermann Gottschalk. Der arbeitete als Rechtsrefendar in Leipzig, bevor er wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt wurde. Er starb kurz nach seiner Ankunft im KZ Dachau im Oktober 1937.
An den Folgen von Unterernährung starb Johann Desch. Der lebte in Maurach am Achensee und bekannte sich zu den Zeugen Jehovas. Aufgrund seiner Religion verweigerte er die Unterschrift unter seinen Wehrpass. 1939 wurde er verhaftet, zwei Monate später in das KZ Dachau überstellt, wo er im August 1940 starb.
Längst nicht alle der am Perlacher Forst bestatteten NS-Opfer stammen aus dem damaligen Deutschen Reich. 2009 – also die Mehrzahl von ihnen – waren polnische Bürger. Sie waren die größte Gruppe von Gefangenen im KZ Dachau, der polnische Staatssekretär Jaroslaw Sellin erinnerte in seiner Rede daran. „Unter den hier Bestatteten sind Vertreter der gesamten polnischen Gesellschaft. 216 sind polnische Priester, sieben von ihnen wurden von der katholischen Kirche seliggesprochen.“ Sellin hob die immense Bedeutung der neu gestalteten Gedenkstätte hervor. „Dieses Projekt ist ein klares Zeichen dafür, dass wir die tragischen Ereignisse der Vergangenheit nicht vergessen haben und nicht vergessen werden.“ Endlich seien die hier Ruhenden nicht mehr nur anonyme Opfer des Krieges, sondern Menschen mit einer Identität und einem Namen, der hier jetzt wieder genannt werde.
Damit werde die Gedenkstätte zu einem Ort der Besinnung auf eine schwierige Geschichte. Jaroslaw Sellin: „Die Vergangenheit sollte uns Lehre und Warnung sein, damit sich Gräueltaten wie die in Dachau und anderen Konzentrationslagern nie wiederholen.“