Unser Leben mit Schlaumeier-Uhren

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Mal den Versuch starten: einen Passanten anhalten und ihn fragen, wie spät es ist. Kann sein, dass man eine schnelle Antwort erhält, weil der Passant den linken Arm leicht anhebt und sofort sieht, was die Stunde geschlagen hat. Kann aber genauso gut sein, dass der Passant den Arm lupft, dann aber erst um einen „Moooment“ Geduld bitten muss, weil er das Handgelenk noch extra drehen oder mit den Fingern der anderen Hand einen Knopf drücken und vielleicht auch noch über das Gehäuse der Uhr wischen muss. „Meinen aktuellen Puls und die bis jetzt erreichte Tagesschrittzahl könnte ich Ihnen sagen, die Uhrzeit ist. . .“ Wenn es so läuft, dann ist der ausgewählte Passant Träger einer Smartwatch, einer intelligenten Uhr.

Man trifft jetzt auf immer mehr Leute, die so etwas am Handgelenk tragen. Die Smartwatch erkennt man daran, dass die Fläche, die wir als Zifferblatt kannten, dunkel ist und erst einmal nichts anzeigt. Eine schlaue Smartwatch sollte erkennen, wann der Träger von ihr eine Auskunft begehrt und sich darum bei einer typischen Ich-schau-auf-die-Uhr-Bewegung selbst erleuchten. Das klappt nicht immer, daher muss die Handarbeit intensiviert werden.

Andererseits verhält sich die Uhr nicht immer diskret. Manchmal will man gar nichts von ihr abrufen, ruckelt aber mit dem Arm, dann erstrahlt sie und verrät unsere Daten. Blöd also, wenn einer erzählt, er sei am Morgen schon zehn Kilometer gelaufen, man aber nur seine 700 Büroschritte angezeigt sieht. Auch in Fernsehtalkshows tragen immer mehr Teilnehmer eine Smartwatch, das ist bei Sendungen wie Markus Lanz, die so tun, als kämen sie mit heißer Nadel gestrickt live in unser Wohnzimmer, amüsant, weil man sieht, dass es nicht 23.30, sondern 16.13 Uhr ist und alles aufgezeichnet wurde. Womöglich schon vor zwei Tagen. Bei guten alten Uhren, wie wir sie kannten (und sie „Zeiteisen“ nannten), nahm man solche Details nicht wahr.

Bei Uhren, die man beim Juwelier oder Uhrmacher kaufte oder sich, wenn man bekannter Fußballfunktionär ist, auch schenken lassen kann. Durch den Schlaumeier-Uhren-Boom wandern die Uhrenkäufer ab in die Elektronikmärkte. Die moderne Uhr ist nicht mehr Schwester der Weißgoldkette, sondern des Tablets. Wie lange werden sich die traditionellen Uhrmachergeschäfte noch halten? Beim nächsten Spaziergang durchs Viertel werden wir nach ihnen Ausschau halten.

Die Niederlage der alten Uhren ist unverdient. Eine Automatic musste man nie aufziehen, ein Luxus, den wir aufgegeben haben mit der Smartwatch, die wir alle paar Tage aufladen müssen. Denn wenn sie plötzlich erlischt – was dann? Müssten wir jemanden nach der Uhrzeit fragen. Und hoffen, dass er eine alte Uhr hat. Oder eine aufgeladene Smartwatch, die das Richtige anzeigt, wenn er den Arm anwinkelt.

Sie erreichen den Autor unter Guenter.Klein@ovb.net

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