Plötzlich Schwarzfahrer

von Redaktion

VON MARIUS EPP

Am Samstag vor einer Woche lief so ziemlich alles schief im bis dato unbelasteten Verhältnis zwischen Thomas Ritter und dem MVV. „So sauer war ich selten“, ärgert sich der 72-Jährige noch Tage später. Kein Wunder: Stempelten ihn doch Kontrolleure knallhart als Schwarzfahrer ab. Und das, obwohl der Baldhamer wie immer eine Fahrkarte hatte.

An diesem Tag macht sich Ritter auf den Weg zu einem Familientreffen. An der Donnersbergerbrücke will ihn sein Neffe abholen. Um dorthin zu kommen, nutzt der Rentner die S-Bahn, die ihn von seinem Wohnort Baldham in einer guten halben Stunde ans Ziel bringen soll. Eigentlich, denn: Die Bahn fährt nicht! „Es stand nichts auf der Anzeigentafel, sie kam einfach nicht“, erinnert sich Ritter. Also zurück – und ab ins Auto. Er fährt bis zur S-Bahn-Station in Haar, wo endlich ein Zug abfährt.

Praktisch: Ritter hat noch eine alte Streifenkarte im Geldbeutel, stempelt die letzten beiden Streifen und kauft sich gleich eine neue für die Rückfahrt. Drei Stationen später taucht in Berg am Laim eine Kontrolleurin auf. Ritters Streifenkarte sei abgelaufen, er fahre somit ohne gültigen Fahrschein. „Die Dame war extrem unfreundlich, hat mir nicht einmal gesagt, dass ich eine Strafe zahlen muss – sondern mir nur den Zettel in die Hand gedrückt.“

Damit nicht genug – wenig später der nächste Ärger: Am Ostbahnhof müssen alle Fahrgäste aussteigen. Wegen eines Polizeieinsatzes an der Hackerbrücke geht es nicht mehr weiter, die Stammstrecke ist dicht. Dem Rentner ist klar, dass diese Sperrung länger dauern könnte und da er ohnehin schon zu spät dran ist, steigt er mächtig frustriert in die nächste entgegenkommende S-Bahn und fährt wieder heim.

Stocksauer ist Thomas Ritter über die Strafe von 60 Euro. MVV-Sprecherin Franziska Hartmann stellt auf Anfrage allerdings klar: Die „Fahrpreisnacherhebung“ war in diesem Fall hart, aber rechtens. „Wird der Preis eines bestimmten Tickets – wie zum Beispiel der Streifenkarte – erhöht, hat der Kunde drei Monate Zeit, es gegen Bezahlung der Differenz umzutauschen.“ Zudem werde eine Bearbeitungsgebühr von zwei Euro fällig. Eine Streifenkarte kostet seit Dezember 2020 14,60 statt 14 Euro. Ritter hatte noch eine für 14 Euro.

Von der Preiserhöhung habe er nichts mitbekommen, sagt Ritter. „Für mich ist das Abzocke. Ich erwarte in einem solchen Fall ein bisschen Kulanz und Fingerspitzengefühl. Wenn man es genau nimmt, habe ich den MVV für die Fahrt mit der alten Karte um zwölf Cent ‚betrogen‘ und werde dafür behandelt wie ein Schwarzfahrer.“

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