Treviso – „Il Tiramisù“, der Tiramisu, wie es richtig heißen muss, ist die vielleicht beste Süßspeise der Welt. Der Name der bitter-süßen Kaffee-Creme, der auf Italienisch „zieh’ mich hoch“ heißt, wird auf die energetische Wirkung der in der Speise enthaltenen Zutaten Zucker und Ei zurückgeführt. Wer italienische Familien kennt, der weiß, wie Mütter ihre Kinder seit Jahrzehnten mit dem Naschwerk glücklich machen – trotz der ordentlichen Menge Koffein darin. Eher nicht jugendfrei ist die alkoholisierte Variante mit Marsala oder anderen Likören, die als Zabaione Feinschmecker beschwipst.
Nun hat der Tod von Tiramisu-Miterfinder Ado Campeol vor einigen Tagen den Disput befeuert, wer denn nun der rechtmäßige Erbe des ur-italienischen Dolce ist. Campeol, 93 Jahre alt, war der Betreiber des legendären Lokals „Le Beccherie“ in Treviso. Als seinem Koch Roberto Linguanotto um 1970 herum angeblich bei der Zubereitung von Vanilleeis ein Löffel Mascarpone-Creme in eine Schüssel mit Schaum aus Eigelb und Zucker fiel, wurde der Tiramisù geboren. Zusammen mit Linguanotto fügte Campeols Frau Alba Di Pillo der unwiderstehlichen Creme in Kaffee getauchte Löffelbiskuits hinzu und bedeckte sie mit einer Schicht bitteren Kakaos. Die Accademia Italiana della Cucina zertifizierte das Rezept Campeols immerhin als das Original – das war 2010. Der Tiramisù habe seinen „beinahe sicheren Ursprung“ in Treviso, hieß es. Weil um die Süßspeise eine ganze Industrie kreist, war es aber für Treviso und die Region Veneto ein schwerer Schlag, als das italienische Landwirtschaftsministerium 2017 den Tiramisù in die Liste der traditionellen Speisen der weiter östlich gelegenen Region Friaul Julisch Venetien aufnahm. Auslöser war eine Recherche der Turiner Gourmets Clara und Gigi Padovani, die gleich mehrere Originalrezepte des Tiramisù ausfindig gemacht hatten – aus Venetien und aus dem Friaul. Der mit friedlichen Mitteln ausgetragene „Tiramisù-Krieg“ (Corriere della Sera) nahm seinen Lauf.
Die Padovanis berichteten von der Köchin Norma Pielli, die im Hotel Roma von Tolmezzo in den 1950er-Jahren die Süßspeise „Tirimi sù“ ersonnen hatte. Als Beweis diente eine Rechnung von 1959. Noch früher datiert die „Coppa Vetturini“ aus einer Trattoria bei Gorizia. Koch Mario Cosolo reicherte um 1939 die Zabaione-Creme mit Sahne und Schokolade an. Ein Gast habe gesagt: „Ottimo, c’ha tirato su“ (Ausgezeichnet, das hat uns belebt). So soll der Name entstanden sein. Wobei nicht auszuschließen ist, dass die Wirklichkeit im Fall des Nationaldesserts Tiramisù manches Mal geschönt wurde.