Zuckerwatte, immer wieder Zuckerwatte. Wie süß sie schmeckt. Wie sie sich langsam im Mund auflöst. Daran erinnert sich Robert Höckmayr (53) noch genau. Mit seiner Familie war er am 26. September 1980 auf der Theresienwiese. Vor Augen die bunten Lichter der Wiesn: Um sie zu sehen, ging die Familie damals erst am Nachmittag hin und machte sich gegen 22 Uhr langsam auf den Heimweg. Für die Kinder gab’s Zuckerwatte zum Abschluss, die Stangerl warfen sie in den Mülleimer am Haupteingang – dort, wo 1,4 Kilogramm Sprengstoff explodierten und Höckmayer meterweit durch die Luft schleuderten. „Einen Riesenknall“ habe es gegeben, danach eine rote Stichflamme.
An den Beinen, dem Rücken und im Gesicht wurde der damals Zwölfjährige schwerst verletzt. Bis heute trägt Höckmayr fast 30 Splitter in seinem Körper – es sind Überreste des schrecklichen Bombenattentats, das 13 Menschen das Leben kostete und 200 Verletzte forderte.
Höckmayr ist einer der Überlebenden. Doch das Leben, das nach dem Attentat begann, war gezeichnet von Verlusten und Schmerz. Am Münchner Sozialgericht will der 53-Jährige diese Schäden nun geltend machen und hat den Freistaat auf soziale Entschädigung verklagt. Seine Forderung: die Anerkennung eines Behindertengrades von insgesamt 70 Prozent.
„Mein Mandant hat unglaubliches Leid erfahren, aber sich trotz dieser Umstände immer wieder zurück ins Leben gekämpft“, sagt sein Anwalt Alexander Frey. In dem Prozess geht es nun auch um die Altersabsicherung für die Geschädigten des Oktoberfest-Attentats. Aktuell hat Robert Höckmayr einen Behindertengrad von 50 Prozent und würde nur rund 274 Euro Rente bekommen. Durch die geforderte Erhöhung wären es 482 Euro.
Aber es geht auch ums Prinzip, sagt Frey: Denn Robert Höckmayr kämpft seit Jahren um die Anerkennung der Opfer von damals. Heuer wurde nach mehr als 40 Jahren erstmals ein gemeinsamer Solidarfonds von Bund, Freistaat und der Stadt München ausgezahlt: Insgesamt 1,2 Millionen Euro erhielten 90 Geschädigte. „Natürlich ist das vier Jahrzehnte zu spät“, gestand Oberbürgermeister Dieter Reiter ein, „und viel zu wenig, um auch nur ansatzweise für das erlittene Leid und die lebenslangen Folgen zu entschädigen.“
Robert Höckmayr etwa hatte zuletzt zweimal je 15 000 Euro erhalten. Laut Reiter „ein finanzielles Zeichen der Anerkennung.“ Immerhin. Doch Höckmayr fragt sich: Wie soll man als Invalide im Alter leben? Damals, mit zwölf Jahren, hatte er hinter dem Attentäter gestanden, als die Bombe explodierte. Nervensystem und Rücken sind bis heute schwer geschädigt – und natürlich auch die Seele: zwei Geschwister Höckmayrs starben vor Ort auf der Theresienwiese, zwei weitere brachten sich später um. „Die Bombe hat mein Leben zerstört“, sagt der 53-Jährige. „Und auch meine Familie.“ Bis heute leidet er unter Ängsten und Depressionen.
Das Sozialgericht wiegelte Höckmayrs Forderung zunächst ab, sieht den Fall mittlerweile aber anders – auch aufgrund der „anerkannt unverzeihlichen Ermittlungsdefizite“, die Richter Knipping seitens der Polizei moniert. Er entschuldigte sich sogar schriftlich bei Höckmayr, da psychische Traumata heute viel besser erforscht sind. Rund 40 Mal wurde Höckmayr seit der Bombenexplosion von Ärzten begutachtet, nächsten Freitag wird sein Prozess verhandelt.