Hermann Grub ist enttäuscht. Seit bald 50 Jahren kämpft er gemeinsam mit seiner Frau Petra Lejeune für die Wiedervereinigung des Englischen Gartens. Die Vision des Schwabinger Architektenpaares: Ein Tunnel sollte den Mittleren Ring abdecken, der seit den 60ern die Grünfläche durchschneidet. Es wäre der Lückenschluss für die 375 Hektar große Stadtparkanlage – eine der größten der Welt – gewesen. Doch daraus wird nichts. SPD und Grüne wollen das Projekt nicht weiterverfolgen. „Das Baureferat hat den Tunnel zu Tode geplant“, sagt Grub.
2017 hatte der Stadtrat einstimmig beschlossen, Planungen für den Tunnel Englischer Garten in Angriff zu nehmen. Die Rede war von Kosten von 125 Millionen Euro, zuletzt bereits von rund 200 Millionen Euro. Der Freistaat hatte zugesagt, 35 Millionen Euro für den Tunnel bereitzustellen, der Bund finanzierte die Planungen mit 2,67 Millionen Euro.
Im November kam wiederum das Münchner Baureferat zu dem Schluss, dass für den Tunnel 890 Bäume statt der ursprünglich geplanten 550 gefällt werden müssten. Die Reihen der Fürsprecher wurden dünner.
Grub und Lejeune unternahmen einen weiteren Vorstoß. Durch Zählungen in Zusammenarbeit mit der Schlösser- und Seenverwaltung, die für den Englischen Garten zuständig ist, sowie durch Abgleich mit Baumkatastern ermittelten die Architekten, dass lediglich 368 Bäume gefällt werden müssten. „Wir haben gefragt, wie das Baureferat auf die größere Zahl gekommen ist, aber keine Antwort erhalten“, sagt Grub. „Wenn man ein Projekt unbedingt kippen will, dann geht das über Bäume.“
Tatsächlich verfing das Baum-Argument bei Grünen und SPD, die beide 2017 ja noch den Tunnel-Planungen zugestimmt hatten. „Nahezu 900 Bäume mit Stammumfang von mehr als 80 Zentimetern müssten für den Tunnel gefällt werden. Eine Zahl, die auch bei nochmaliger Überprüfung durch das Baureferat nicht geringer geworden ist“, heißt es in einer Mitteilung am Dienstag. „In Betrachtung der Klimabilanz dieses Bauvorhabens, in die neben den Baumfällungen auch die vielen Tonnen von verbautem Beton mit einfließen müssen, sehen wir uns nicht in der Lage diesem Projekt zuzustimmen“, sagt Grünen-Fraktionschefin Anna Hanusch.
Die Wiedervereinigung des Englischen Gartens sei eine charmante Idee gewesen, sagt SPD-Fraktionschef Christian Müller. „Für die Bauarbeiten müssten wir aber viele hundert alte und gesunde Bäume fällen. Wir halten das nicht für den richtigen Weg. Dieser Preis für den Tunnel wäre zu hoch.“ Auch OB Dieter Reiter (SPD) bedauert die Entscheidung. „Die Nachprüfung hat ergeben, dass fast 1000 Bäume gefällt werden müssten. Deshalb, auch wenn es schwer fällt, halte ich die Entscheidung für richtig.“
Die Entscheidung in der Fraktion von SPD und Volt fiel mit 10:9 Stimmen denkbar knapp aus. Sie hat aber aus Sicht einzelner Genossen durchaus auch strategische Gründe. So schade das klingen mag, der Tunnel im Englischen Garten ist ein verzichtbares Projekt. Anders sieht es beim Tunnel Schleißheimer Straße aus, den die SPD mehrheitlich realisieren will. um das FIZ Future mit der Autobahn zu verbinden. Die Grünen lehnen jedoch auch diesen Tunnel mehrheitlich ab. Das ist sogar im Koalitionsvertrag festgehalten. Mit einer anderen Trassenführung und einem anderen Namen für das Projekt könnte die SPD argumentieren, den Grünen bereits bei den Tunnelbauten Landshuter Allee und Englischer Garten entgegengekommen zu sein. Den neuen Tunnel Hasenbergl aber werde man realisieren, zur Not eben auch im Dissens mit den Grünen mit den Stimmen von CSU und Freien Wählern.
CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl jedenfalls hätte auch den Tunnel Englischer Garten gebaut und sagte am Dienstag: „Es ist ein Armutszeugnis, den Tunnel mit einer solch fadenscheinigen Begründung zu beerdigen und so die historische Zusammenführung zu verhindern! Dies hätte eine enorme Steigerung der Aufenthaltsqualität nach sich gezogen.“ Die SPD begehe sogar Verrat am Andenken an Alt-OB Hans-Jochen Vogel . „Der hat die Untertunnelung des Englischen Gartens explizit befürwortet.“