München – Der Münchner Hauptbahnhof ist zu einer Sammelstelle der Sorgen geworden. In der Bahnhofshalle kommen täglich Flüchtlinge aus der Ukraine an, vor allem Frauen, Koffer und Taschen schleppend, ihre Kinder fest an der Hand, die Blicke traurig. Viele haben ihre Haustiere, kleine Hunde, dabei. Hier bekommen die Angekommenen etwas zu essen und zu trinken. Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte zugesagt, sich nun jeden Tag ein Bild vor Ort zu machen. Und er kam, sprach mit Helfern, verteilte Schokoriegel an die Kinder. „Thank you very much!“, flüstert ein vielleicht sechsjähriges Mädchen im rosa Anorak höflich.
„Es ist eine dramatische Herausforderung“, sagt Reiter. Bis Freitagfrüh seien 6500 Geflüchtete in München angekommen. Gerechnet werde nun mit weiteren 2000 pro Tag – Tendenz steigend.
Die gute Nachricht: „Im Grunde haben wir die Organisation bisher im Griff.“ Aber es gebe ein Problem: Die Unplanbarkeit. „Wir wissen nicht, wie viele Menschen wann ankommen.“ Die größte Aufgabe sei es, Unterkünfte zu finden. „Wir brauchen alle Hallen, die es in dieser Stadt gibt. Auch die Olympia–halle!“, betont der OB. Messe-, Leichtbau-, Turn- und Kulturhallen. Auch weitere Hotels in Bahnhofsnähe müssten hergerichtet und genutzt werden. „Wenn Leute sagen, mein Zug nach Freilassing fährt erst morgen – dann kann ich ja nicht sagen, schlaf halt derweil auf der Straße!“
Was dem Oberbürgermeister auch Sorgen bereitet, ist der Ausblick. „Was machen wir, wenn die Menschen, denen ich das natürlich von Herzen wünschen würde, eben nicht so schnell in die Ukraine zurückkehren können? Wie werden sie integriert?“ Und manche werden auch bleiben wollen. „Wir sind natürlich bekannt dafür, dass wir helfen, aber wir müssen unsere Kapazitäten so steuern, dass wir helfen können.“ Das müssten Bund, Land und Kommunen gemeinsam schultern.
Auch Sozialreferentin Dorothee Schiwy, die mitgekommen ist zum Hauptbahnhof, ist dieser Punkt wichtig. „Wir appellieren an den Freistaat, bei der Lenkung der Ströme darauf zu achten, dass die Ballungsräume nicht völlig überfrachtet werden.“ Den Druck, den Schiwy und die Zuständigen der Stadt verspüren, deutet sie nur an: „Wir sind rund um die Uhr beschäftigt.“ Allein das Thema Corona: Viele Geflüchteten seien leider positiv. Die Leute nicht nur unterzubringen, sondern auch noch in Quarantäne zu isolieren – ein Kraftakt.
Eine Krise wie 2015? „Es ist schon ein starkes Déjà-vu-Erlebnis“, sagt Reiter. „Ich war zuletzt 2015 so oft am Bahnhof. Jetzt bin wieder jeden Tag hier – und das wird noch lange so weitergehen.“