Eine blutende Frau läuft in die Fußgängerzone. Sie hat ein Messer in der Hand und bittet erschrockenen Passanten, ihr zu helfen. Den Notruf zu wählen. Im Treppenhaus hinter ihr liegt ihr Nachbar mit lebensgefährlichen Stichverletzungen – an denen er Stunden später stirbt. Was nach einer Szene aus einem Fernsehkrimi klingt, war am Donnerstag Realität in München. Mitten in der Altstadt spielte sich ein blutiges Drama ab. Dazu gibt es viele Fragen, aber nur wenige Antworten. Die Mordkommission muss versuchen, die entscheidenden Minuten nachzuvollziehen.
Das Motiv und die Hintergründe stehen im Mittelpunkt der Ermittlungen. Noch ist aber nichts spruchreif, wie Mordkommissions-Chef Stephan Beer der Presse erklärte. Nur so viel: Die Frau sei im Beisein der Staatsanwaltschaft vernommen worden. Danach wurde sie aber nicht in Untersuchungshaft genommen. „Wir sehen keine Haftgründe“, erklärt Oberstaatsanwältin Anne Leiding.
Das heißt, die Behörden gehen weder von Verdunklungsgefahr aus noch glauben sie, dass die Frau untertauchen will. Das könnte dafür sprechen, dass die 27-Jährige nach Einschätzung der Ermittler nicht von sich aus angegriffen hat, sondern ihr Leben vor dem 45-Jährigen verteidigen musste. Der Rumäne lebte seit dem Jahr 2019 in München und war laut Polizei bereits wegen eines Falls von Körperverletzung aktenkundig.
Gegen 14.30 Uhr stand er am Schicksalstag vor der Tür seiner Nachbarin. Man könnte meinen, dass die beiden vertraut, vielleicht sogar ein Paar waren. Schließlich handelt es sich bei einem Großteil der Tötungsdelikte um Beziehungstaten. Aber mitnichten. Die beiden hatten laut Polizei jeweils andere Partner. Sie kannten sich nur flüchtig. Trotzdem: „Er wollte in die Wohnung“, sagt Beer. Und er hatte das Messer bei sich. Sehr schnell sei es dann zu der Auseinandersetzung gekommen.
In deren Folge erlitt die 27-Jährige eine stark blutende Schnittverletzung an der Hand. Offenbar ist es der kleinen und zierlichen Frau aber gelungen, dem Mann das Messer wegzureißen und selbst zuzustechen. Der 45-Jährige erlitt mehrere Stiche im Oberkörper. Er wurde von den Rettungskräften ins Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte vergebens versuchten, ihn mit einer Notoperation zu retten.
Die Obduktion des Leichnams wurde für Freitagnachmittag angesetzt. Genauso wie eine körperliche Untersuchung der Frau, ein Blut-Gutachten und eine Befragung der Anwohner. Das Problem der Ermittler: Es gibt keine Zeugen der Auseinandersetzung. Erst als die 27-Jährige blutverschmiert aus dem Haus lief, konnte ihr geholfen werden. Die Notrufe, die um 14.40 Uhr bei der Polizei eingegangen sind, lösten einen Großeinsatz in der Sendlinger Straße aus. Dort riegelten 50 Beamte, teils schwerst bewaffnet und in Schutzausrüstung, den Bereich vor dem Haus Nummer 18 ab.