Der RAF-Schrecken erreicht München

von Redaktion

Heute vor 50 Jahren verübten die Terroristen einen Anschlag auf das Landeskriminalamt

VON ANDREA STINGLWAGNER

Es war ein kühler und regnerischer Frühlingstag, dieser 12. Mai 1972 – München war in Vorfreude auf die Olympischen Spiele. Um 14.25 Uhr aber brach die Hölle los: Eine Bombe explodierte auf dem öffentlich zugänglichen Parkplatz des Landeskriminalamtes an der Münchner Mailingerstraße. 60 Autos wurden zerfetzt. „Ein Wunder, dass es kein Blutbad gab“, titelte die tz damals, es gab nur wenige Leichtverletzte. Die Rote Armee Fraktion bekannte sich danach zu dem Attentat. Der Beginn der Schreckens-Zeit der RAF.

14.17 Uhr zeigt die Uhr an diesem Freitag, als bei der Landesbesoldungsstelle gegenüber vom LKA an der Baudrexelstraße das Telefon klingelt: „Los verschwindet, räumt das Haus! Gleich geht das Landeskriminalamt in die Luft!“, warnt eine Frauenstimme. Der Angestellte informiert sofort einen LKA-Oberamtsrat, der zum Zimmer 119 des damaligen LKA-Präsidenten Eduard Kraus in den ersten Stock hochläuft. Kraus später zur Presse: „Er hatte kaum die Tür zu meinem Büro geöffnet, da krachte es auch schon. Ich sah noch einen gelbblauen Rauchblitz, dann flogen mir auch schon die Scheiben um die Ohren.“

Im LKA krachen Fensterrahmen heraus, Blumentöpfe werden durch die Luft geschleudert, Schreibtische, Türen, Lampen zerstört. Auf dem Parkplatz: ein Schlachtfeld. Autos sind förmlich in Fetzen gerissen, wurden meterweit durch die Luft geschleudert. Ein (in Ulm gestohlener) hellblauer Ford 17 M, in dem sich die Bombe befand, ist quasi pulverisiert, allein der Motorblock liegt mitten im Chaos. Die Parkanlage rund ums LKA-Gebäude ist mit Glas übersät. Ein Reporter schreibt: „Es sah aus, als ob es Scherben geschneit hätte.“ Aber nicht nur das LKA, auch zig Wohnblöcke an der Elvira-, Mailinger- und Baudrexelstraße sowie die Landesbesoldungsstelle sind massiv beschädigt. Im Umkreis von 100 Metern zersplitterten Fensterscheiben.

Aber das Wichtigste: Niemand wurde bei der Explosion ernstlich verletzt, da sich gerade keiner auf dem Parkplatz aufhielt. Drei Behörden-Mitarbeiter sind leicht verletzt, einer Frau zerriss die Druckwelle das Trommelfell. Der materielle Schaden aber geht in die Millionen. 50 000 Mark Belohnung werden später für die Jagd auf die Bombenleger ausgesetzt.

Heute weiß man: Mit dem LKA-Anschlag erreichte der linksextremistische Bombenterror München. Einer der Auslöser hatte sich am 2. März 1972 ereignet: Bei einem Festnahmeversuch war der RAF-Verdächtige Thomas Weisbecker (23), Sohn eines Kieler Medizinprofessors, in Augsburg von einem Polizisten erschossen worden. Die RAF reagierte mit Vergeltung: Ein Tag vor dem Münchner Anschlag war bei einem Bombenanschlag auf ein Quartier der amerikanischen Streitkräfte in Frankfurt am Main ein Oberstleutnant getötet worden. Knapp zwei Stunden vor München: Explosion im Polizeipräsidium Augsburg (siehe Kasten). Später tauchte ein Bekennerschreiben des „Kommandos Thomas Weisbecker“ auf: „Die Fahndungsbehörden haben nunmehr zur Kenntnis zu nehmen, dass sie keinen von uns liquidieren können, ohne damit rechnen zu müssen, dass wir zurückschlagen werden.“ Und die Attentate gingen weiter.

Die Terroristen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin wurden später für den Anschlag in München verurteilt. Das Urteil aber wurde nie vollstreckt – sie nahmen sich in der JVA Stuttgart-Stammheim das Leben. Auch wenn sich die RAF 1998 offiziell aufgelöst hat – die Folgen der Anschläge sind bis heute zu spüren. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU): „Auch 50 Jahre nach diesen bösartigen Anschlägen können wir nicht ausschließen, dass Polizisten attackiert werden.“

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