Was es in München zur Genüge gibt: fahrradberittene Essens-Lieferdienste, Fahrradreparatur-Shops, die bei Lastenrädern die bordsteinkantenstrapazierten Schläuche flicken – und: Fensterputzer! Nicht nur für die glitzernden Glasfassaden der Bürotürme, sondern für dich und mich. Da kommt eine routiniert flinke Kraft mit einem Leiterchen, einem Eimer und ein paar Lappen, fragt nur schnell, wo sie Wasser abzapfen kann und turnt dann behände über die Fenstersimse. Eine Stunde, zack, alles fertig, der Fensterputzer huscht davon. Und der Auftraggeber ist glücklich über die Ersparnis von Zeit und Kraft: Man selbst hätte einen halben Tag gebraucht und den Dreck auf den Scheiben nicht entfernt, sondern nur anders angeordnet.
Wir waren auch so Fensterputzdienst-Beschäftiger – bis ich auf eine Zeitungsanzeige stieß. Nur für ein paar Tage, Werksverkauf, von 90 reduziert auf 20 Euro: ein Fenstersauger. Gekauft, denn den Versuch ist es wert – erst recht in diesem Jahr: Der Sahara-Staub, niedergegangen vor Wochen, hatte sich an den Fenstern festgekrallt, auch klatschender Regen bekam ihn nicht weg, die gegenüberliegenden Häuser waren nur noch schemenhaft zu erkennen. Plus: Nach dem Sahara- kam der Blütenstaub. Man hatte es auf der Kühlhaube des Autos gesehen, wie er sich klebrig ausbreitete. Bevor man also ein Fensterputz-Abo abschließt – Angriff! Die Bedienungsanleitung mit allen chinesischen Dialekten weggeschmissen, Anleitung bei YouTube geschaut. Und tatsächlich: Auf einer Versuchsfläche ein herausragendes Ergebnis erzielt. Streifenfreie Glücksgefühle.
Der Ernstfall war dann die eigene Wohnung: Verwinkelter Altbau, Fenster in unterschiedlichen Größen, manches Eck schwer zu erreichen. Die Anfangseuphorie verflog ein wenig, die Brust verlor an Breite, die Einstrahlung der Sonne relativierte manches für gut gehaltene Ergebnis auf ein ausreichend. Jedoch: Erleichterung, als Frau K. sagte: „Im Großen und Ganzen gelungen. Nicht an allen Stellen, aber es ist nicht mehr so schmutzig, wie es war.“ Pep Guardiola hätte es so formuliert: „Ein super super super super Fensterputz.“
Leichtfertigerweise habe ich meiner Mutter, 83, die jedes Scheitern meiner handarbeitlichen Fertigkeiten kennt, von meinem Erwerb eines Fenstersaugers erzählt. Sie richtete den Blick auf die Scheiben ihres Wintergartens. Dieser moralischen Pflicht kann ich nicht entkommen.
Was noch gesagt werden muss in diesen Zeiten: Der Fenstersauger wird elektrisch betrieben, man muss den Akku erst aufladen. Kann sein, dass das Energie ist, die man einsparen sollte. Fenster dreckig lassen gegen Putin, das ist eine Option. Die andere: der stromfreie Fensterputzdienst. Wir sind ja in München, kein Problem.
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