Jeanette Schmutzler (42) muss funktionieren, jeden Tag – rund um die Uhr. Wie bei einem Marathon laufe sie ununterbrochen, sagt sie, Pausen oder Urlaub seien kaum drin. Denn: Schmutzler ist alleinerziehend, jedes ihrer drei Kinder (12, 14 und 14 Jahre alt) ist behindert, sie brauchen einen Rollstuhl. Schmutzler pflegt sie bei sich zu Hause in Moosach: „Zusätzlich zu allen Aufgaben, die täglich anfallen, kümmere ich mich Minimum 50 Stunden in der Woche um die Pflege meiner Kinder!“ Oft fühle sie sich alleingelassen.
Die Münchnerin ist kein Einzelfall – gut 750 000 pflegende Angehörige gibt es alleine in Bayern. Sie kümmern sich zu Hause um ihre Kinder, Eltern, Ehepartner, Oma oder Opa. Um auf die schwierige Situation dieser Menschen aufmerksam zu machen, hat der Sozialverband VdK gestern Hunderte von Plakaten auf dem Marienplatz aufgestellt – als „stille Demo“. Darauf: Zitate von pflegenden Angehörigen, die teils wie Hilferufe klingen. Rund 80 Prozent der 500 000 Pflegebedürftigen in Bayern werden nicht im Pflegeheim, sondern daheim gepflegt. Aus Sicht von VdK-Präsidentin Verena Bentele werde dies von der Gesellschaft und der Politik zu wenig beachtet: „Nach dem Motto: Die Pflege zu Hause klappt schon irgendwie“, sagt Bentele. Dabei zeigt eine VdK-Umfrage unter 40 000 pflegenden Angehörigen, wie groß die Belastung ist: Rund 22 Prozent geben an, dass sie mehr als 40 Stunden pro Woche für die Pflege aufwenden.
Eine Last, die auch Jeanette Schmutzler kennt. Alles müsse sie selbst organisieren: Schulassistenten, Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte für ihre Kinder sowie die Finanzierung von Hilfsmitteln. Dadurch müsse sie sich mit viel Bürokratie rumschlagen. Zeit, die ihr für die Versorgung fehlt. „Irgendwann sind auch meine Grenzen erreicht, ich bin am Limit“, sagt sie. Weil sie durch die Pflege so viel zu tun habe, könne sie auch keiner Arbeit nachgehen. „Wie denn? Daher werde ich auch einmal kaum Rente bekommen“, sagt sie. Die Pflegearbeit, die sie leiste, werde nicht wie „normale Arbeit“ anerkannt. Der VdK fordert deshalb unter anderem, das Pflegegeld zu erhöhen und eine bessere Vereinbarung von Versorgung und Beruf zu gewährleisten – zudem müsste das Angebot von Tagespflege ausgebaut werden. Auch Münchens Sozialreferentin Dorothee Schiwy sieht noch Handlungsbedarf: Man arbeite zum Beispiel daran, Anträge rund um die häusliche Pflege zu vereinfachen. Die Stadt, Verbände und der Bund müssten allerdings zusammen dafür sorgen, dass sich die Situation verbessert.