Warten. Das ist derzeit eine der Hauptaufgaben von Ljubov Zubets und Anna Tijanic. Sie arbeiten in der Corona-Teststelle am Deutschen Museum. Wo sich vor ein paar Monaten lange Warteschlangen bildeten, herrscht gähnende Leere. So sieht es in vielen Teststellen der Landeshauptstadt aus. Kaum jemand lässt sich noch auf das Virus testen. Gleichzeitig meldet die Stadt immer mehr Infizierte. Die Vermutung: Etliche Münchner sind infiziert, ohne es zu wissen.
„Anfang des Jahres hatten wir in unseren Teststellen über 10 000 Tests am Tag, jetzt sind es unter 1000“, berichtet Dr. Michael Schleef, der fünf Teststellen betreibt, darunter die großen PCR-Stationen am Deutschen Museum und am Verkehrszentrum. Früher habe die Positivrate meist bei unter zehn Prozent gelegen, nun verzeichne man über 50 Prozent. „Das deutet auf eine hohe Dunkelziffer hin. Ich habe das Gefühl, man nimmt Corona nicht mehr so ernst.“ Klar: PCR-Tests sind nur noch in bestimmten Fällen kostenlos. Aber viele, so Schleef, scheinen nicht zu wissen: „Bei uns können sich Menschen mit Symptomen weiterhin umsonst testen lassen.“
Dass es nicht nur am Geld liegen kann, zeigt ein Blick auf die kostenlosen Schnelltest-Stationen: Auch hier ist kaum mehr etwas los. „Die Nachfrage ist massiv zurückgegangen“, berichtet Alexander Spierer, der nach seinen Stationen im „Pacha“ und der Freiheizhalle wohl Ende des Monats auch die Teststelle im Hofbräukeller schließen wird – obwohl die Test-Verordnung seitens der Politik voraussichtlich verlängert wird. „Das Testen trägt sich wirtschaftlich kaum mehr.“
Die offizielle Inzidenz für München ist von vergangenem Donnerstag bis gestern um 23 Punkte auf 327 gestiegen. Wie schätzt Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek (SPD) die Lage ein? Die Nachfrage nach Testungen seien „auf niedrigem Niveau konstant“, sagt sie. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts in Kupferzell in Baden-Württemberg habe gezeigt, dass dort deutlich mehr Infektionen nachgewiesen werden konnten, als bislang bekannt waren. „In der Gesamtschau kann interpretiert werden, dass die Dunkelziffer nicht unerheblich hoch ist.“ Die ansteckenderen Omikron-Untervarianten BA.4 und vor allem BA.5 machten derzeit etwa 66 Prozent in München und Umland aus. „Insofern vermuten wir ein noch weiteres Ansteigen der Infektionszahlen in den nächsten Wochen.“
Infektiologe Christoph Spinner vom Universitätsklinikum rechts der Isar ist dennoch nicht in großer Sorge. „Viele machen mittlerweile zu Hause Selbsttests und isolieren sich dann selbst.“ Das sei ein pragmatisches Vorgehen. Spinner bemerkt zwar einen spürbaren Anstieg der Fallzahlen, warnt aber vor einem „Hyper-Alarmismus“. „Steigende Fallzahlen waren zu erwarten. Es ist mit der sehr viel infektiöseren Omikron-Variante nicht mehr möglich, Infektionsketten so konsequent zu durchbrechen wie am Anfang. Vielmehr gilt es, Risikogruppen zu schützen. Deshalb rate ich chronisch Kranken und Personen über 70 Jahren dringend zur vierten Impfung.“