Ein Schritt zur Versöhnung

von Redaktion

VON KLAUS VICK

München – Fünf Jahre ist es her, als das Mahnmal „Einschnitt“ im Olympiapark eingeweiht wurde. Ein seitlich aufgeschnittener Hügel, in dessen Inneren an das Massaker erinnert wird. Elf Mitglieder des israelischen Olympiateams und ein Polizist kamen bei dem Anschlag palästinensischer Terroristen ums Leben. Die damalige Einweihung der Gedenkstätte war bewegend. Hinterbliebene der Ermordeten hatten lange auf diesen Moment gewartet.

Noch länger mussten die Opferfamilien aber auf eine angemessene Entschädigung durch die Bundesrepublik warten. Der Streit war so verfahren, dass über den Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag am kommenden Montag ein dunkler Schatten lag. Manche sahen gar den Gedenkakt in München gefährdet. Denn welchen Sinn sollte dieser haben, wenn die Opferfamilien fern geblieben wären? Die hatten sich nämlich geweigert teilzunehmen – weil sie das Entschädigungsangebot des Bundes als unzureichend und beschämend empfanden. Und weil immer noch eine Entschuldigung ausgeblieben sei.

Nun gibt es doch eine Einigung. Eine Summe von 28 Millionen Euro soll an die Angehörigen ausbezahlt werden, weit mehr als die bisher kolportierten 5,4 Millionen Euro. 22,5 Millionen Euro soll der Bund, fünf Millionen der Freistaat und 500 000 Euro die Stadt München tragen. Aufgrund der Einigung ist nun der Weg dafür frei, dass sowohl die Angehörigen der Opfer als auch Israels Staatspräsident Isaac Herzog zu den Gedenkveranstaltungen kommen werden. Regierungssprecher Steffen Hebestreit teilte gestern mit, die Entschädigungszahlung sei Teil einer Gesamtkonzeption. Dazu zählen auch die Aufarbeitung der Geschehnisse durch eine Kommission deutscher und israelischer Historiker sowie die rechtskonforme Freigabe bislang verschlossener Akten.

Aus gut unterrichteten Kreisen hieß es am Mittwoch, Berlin habe in diesem Streit „gerade noch die Kurve gekriegt“. Denn die Wut und das Trauma der Hinterbliebenen nach den Erlebnissen von 1972 sind bis heute nicht vergangen. Die Sicherheitsvorkehrungen galten als mangelhaft, ein Befreiungsversuch der deutschen Einsatzkräfte endete katastrophal. Für die Opferangehörigen hat auch nach 50 Jahren die Zeit nicht die Wunden geheilt. Ilana Romano, Witwe des ermordeten Gewichthebers Yossef Romano, äußerte sich am Mittwoch zumindest zum Streit über die Entschädigungszahlungen positiv: „Ich denke, wir haben das Hindernis überwunden und werden wohl nach München fahren.“ Auch Ankie Spitzer, Witwe des bei dem Attentat getöteten israelischen Fechttrainers André Spitzer, wird von israelischen Medien in diesem Sinne zitiert.

Die Präsidenten Deutschlands und Israels, Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Isaac Herzog, zeigten sich „froh und erleichtert“ über die Vereinbarung. „Mit dieser Einigung bekennt der deutsche Staat seine Verantwortung und erkennt das furchtbare Leid der Ermordeten und ihrer Angehörigen an“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle (CSU), sagte, die Einigung komme „spät, sehr spät – aber nicht zu spät“. Deutschland stelle sich damit endlich seiner historischen Verantwortung und ermögliche den Angehörigen, „mit diesem Kapitel ihren Frieden zu machen“. Spaenle hatte sich bei Kanzler Olaf Scholz (SPD) für ein „faires Entschädigungsangebot“ an die Angehörigen eingesetzt.

Am Montagvormittag ist zunächst eine Kranzniederlegung vor dem Haus an der Connollystraße 31 im Olympiapark geplant. Dort erschossen die Terroristen 1972 zwei Israelis und hielten neun weitere Sportler und Delegationsmitglieder fast einen Tag lang als Geiseln. Anschließend lädt Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) am Erinnerungsort „Einschnitt“ zum gemeinsamen Innehalten und Gedenken. Auch OB Dieter Reiter (SPD) wird dort eine Rede halten.

Am Nachmittag findet auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ein großer Gedenkakt statt. Erwartet werden unter anderem Isaac Herzog, Bundespräsident Steinmeier, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Die Geiseln wurden damals mit zwei Helikoptern nach Fürstenfeldbruck ausgeflogen. Der Befreiungsversuch dort endete mit einem Fiasko: Sämtliche israelischen Geiseln und der Münchner Polizist Anton Fliegerbauer starben.

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