Es ist eine der ungewöhnlichsten Personalien in der Landespolitik. Susanne Seehofer, die Tochter des früheren Ministerpräsidenten, will für den Landtag kandidieren – für die FDP. Die 31-Jährige, verheiratet, Mutter einer knapp zweijährigen Tochter, arbeitet bei BMW in München. Sie bewirbt sich in München-Mitte um ein Mandat. Am 25. September wird die Parteibasis abstimmen. Wir haben Seehofer diese Woche zu einem Interview in München getroffen.
Seit Ihrem Eintritt in die FDP im April 2021 rätselt Bayerns Politik, was Sie vorhaben, ob es Sie in den Landtag zieht. Verraten Sie’s uns?
Ja. Ich werde mich als Direktkandidatin in München-Mitte bewerben.
Aber warum für die FDP? Zur CSU hätten Sie eine familiäre Verbindung…
Na, ich hoffe, Sie wählen auch nicht nur die Parteien, die Ihre Eltern gut fanden? Ich habe meine politische Heimat bei der FDP gefunden – beginnend beim urbayerischen und urliberalen Prinzip „Leben und leben lassen“. Ich weiß, dass sich das mehrere Parteien auf die Fahne schreiben – aber nur die FDP verkörpert es. Sie schwelgt nicht in Nostalgie und Vergangenheit, sondern denkt in Chancen und an die Zukunft.
Trotzdem ist die FDP ein Zitterkandidat. Sicherere Tickets gibt’s woanders…
…aber meine Überzeugungen nur bei der FDP.
Hat die CSU angeklopft, um Sie geworben?
Schon. Kam aber für mich nie infrage. Die CSU ist mir nicht weltoffen genug.
Hand aufs Herz: Liegt’s nicht auch an Markus Söder, der Ihrem Vater einst so zusetzte?
Überhaupt nicht.
Was halten Sie von Söder?
(denkt nach) Ich kann sagen, was ich von seiner Politik halte. Zu wenig Aufbruch, zu viel Populismus. Er wurstelt sich so durch die Krisen, kündigt immer viel an, löst aber kaum ein Problem. Und jetzt zeigt er noch dauernd mit dem Finger nach Berlin. Das widerspricht unserer Anpack-Mentalität in Bayern.
Was hat Papa Seehofer gesagt, als er davon erfuhr?
„Willst Du Dir das wirklich antun?“, hat er mich nach meinem FDP-Eintritt gefragt. Später dann: „Ja, dann zieh’ das jetzt auch durch.“
Hat er Ihnen schon ein paar Tipps gegeben?
Dass Politik für den Menschen da ist. Nie umgekehrt. Über Inhalte haben wir oft gestritten, seit ich zwölf bin – klar, sonst wären wir ja jetzt auch in derselben Partei. Aber was ich von ihm schon früh gelernt habe: Politik muss das ehrliche Interesse für die kleinen Leute haben.
Wird er mal zu einem Wahlkampfauftritt der Tochter kommen?
Das kommt sehr auf den Rahmen an. Vielleicht reden wir mal bei einer Veranstaltung über Generationen, über die großen Aufgaben unserer Zeit, Nachhaltigkeit, Bildung.
Sie bitten ihn um die Zweitstimme für Sie.
Na klar.
Hat Sie das Leben als Politikertochter – Alltag mit Papas Personenschutz, immer auf der Straße angesprochen, immer in Medien – nie abgeschreckt?
Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Die Vorteile überwiegen klar: Politik gestalten können, das Leben erleichtern für die breite Mitte, die unseren Freistaat zusammenhält.
Haben Sie Vorbilder in der Politik? Welche FDP-Politiker finden Sie gut?
(denkt lange nach) Hildegard Hamm-Brücher. Die imponiert mir, weil sie sich damals in dieser Männerdomäne Politik so durchgesetzt hat. Und heute: Ria Schröder, die ehemalige JuLi-Vorsitzende. Mich inspiriert sie – eine junge, smarte Frau, die nicht nur in der Partei Karriere gemacht hat, sondern viel Wissen von außen einbringt. Lebensrealität eben.
Ist Quereinsteiger zu sein Vorteil oder Nachteil?
Das muss jetzt die FDP-Aufstellungsversammlung in München-Mitte entscheiden. Ich denke: Es ist ein großer Vorteil. Im Beruf erlebe ich jeden Tag, wie sich Politik auswirkt, welche Bürokratie manchmal unnötig aufgetürmt wird; dass Politik Innovation in Unternehmen nicht hemmen darf. Als junge Mutter spüre ich jeden Tag, welche Herausforderung das ist und wo es da in Bayern noch hakt.
Wo stehen Sie in der FDP? Abends lieber ein Wein mit Kubicki – oder Lindner?
Lieber ein Bier mit Christian Lindner.
Kennen Sie sich?
Flüchtig. Seit dem Kommunalwahlkampf 2020, da kam er nach München und hat uns motiviert.
Was halten Sie für Ihre größte Stärke – und was für eine Schwäche?
Eine meiner größten Stärken ist, glaube ich: Empathie. Gestaltungswille. Schwäche: extreme Ungeduld. Ich möchte, dass was vorwärtsgeht.
Interview: Georg Anastasiadis, Christian Deutschländer