Affe in den Öffis

von Redaktion

MATTHIAS KIEFERSAUER

Das Blödeste an den Öffis ist das Wort „Öffis“. Früher sagte man Öffentlicher Personennahverkehr, manchmal auch ÖPNV, „Bus und Bahn“ oder einfach „Die Öffentlichen“. Aber in den letzten Jahren schwappte ein Modewort dafür nach München: Die „Öffis“. Mit dem verniedlichenden i am Ende klingt das Wort viel zu liebevoll, so als wären der ÖPNV und wir jetzt Freunde, ja, als gäbe es keine Weichenstörungen, Oberleitungsschäden oder Preiserhöhungen mehr. Dabei weiß doch jeder: Ein i am Ende macht nicht alles gut. Man denke nur an Hansi Flick.

Für mich sind die „Öffis“ vor allem der Ort, an dem ich mich zum Affen mache. Einmal war ich mit meiner Freundin Anna in der Müllerstraße unterwegs, als uns etwa 200 Meter vor unserer Haltestelle unsere Tram überholte. Anna und ich sprinteten los. Nur war sie halt mal württembergische Juniorenmeisterin über 400 Meter – ich dagegen wurde in meiner Kindheit am Ziel eines 800-Meter-Laufs vom Stadionsprecher empfangen mit den Worten: „Applaus auch für den Letzten!“ Es war also ein ungleiches Rennen damals in der Müllerstraße, zugleich aber eines, das Aufmerksamkeit auf sich zog. Gefühlt der ganze Straßenzug sah zu, wie Anna in den Wagen sprang, wie sich die Türe wieder schloss und wie ich dann an der Haltestelle so tat, als hätte ich die Straßenbahn gar nicht erreichen wollen. Ich scheiterte zeitgleich als Sportler und als Schauspieler. Ein Glück, dass ich noch einen anderen Beruf fand!

Lange Zeit war dies die schlimmste Erniedrigung, die ich je im ÖPNV hatte hinnehmen müssen. Letzte Woche wurde das anders. Derzeit bin ich nämlich mit Krücken unterwegs, so auch am Mittwoch auf dem Weg in die Innenstadt. Ich bestieg also den Bus und setzte mir dabei die Gesichtsmaske auf. Sofort beschlug die Brille. Meine Spießigkeit dagegen blieb unangetastet – sprich: ich wollte aus Gewissensgründen die Fahrt nicht ohne Fahrschein antreten. Der Effekt: Auf einem Bein stehend und ohne etwas zu sehen, warf ich während einer ruckeligen Fahrt durch München Münzen in einen Automaten, um mir eine Kurzstrecken-Fahrkarte zu kaufen. Würde geht irgendwie anders. Aber wo man „Öffi“ sagt, braucht man nicht auf Würde hoffen.

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