München – Am 27. Januar wird bundesweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Heuer standen dabei zum ersten Mal verfolgte sexuelle Minderheiten im Mittelpunkt. Das NS-Dokumentationszentrum widmet sich dem Thema zum Beispiel mit der Sonderausstellung „TO BE SEEN. queer lives 1900–1950“. Mit historischen Zeugnissen und künstlerischen Positionen von damals bis in die Gegenwart zeichnet die Ausstellung queere Lebensentwürfe und Netzwerke, Freiräume und Verfolgung nach. Sie ist bis 21. Mai zu sehen.
Außerdem fand am Freitag ein besonderer Termin statt: An der Müllerstraße im queeren Münchner Szeneviertel wurde ein Erinnerungszeichen für August Gänswein enthüllt. Dort war sein letzter Wohnsitz in München. Gänswein wurde am 23. März 1891 in Riedern am Wald (Baden-Württemberg) geboren. Seine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft. Ab 1909 lebte die Familie in Konstanz. August Gänswein ging im Mai 1925 nach München. Wahrscheinlich 1928 gründete er ein Geschäft für zerlegbare Garagen und Baumaterial. Über sein Leben in München ist nur wenig bekannt, sein letzter Wohnsitz war an der Müllerstraße 34.
Zwischen 1932 und 1934 wurde Gänswein wegen „widernatürlicher Handlungen“ angezeigt. 1936 ermittelte die Polizei erneut gegen ihn aufgrund angeblicher Homosexualität. Er wurde schließlich ins KZ Dachau eingewiesen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs transportierte ihn die SS für elf Monate in das KZ Mauthausen. Als das NS-Regime im Frühjahr 1941 die Ermordung arbeitsunfähiger Häftlinge in den Konzentrationslagern beschloss, war das auch Gänsweins Todesurteil: Er hatte 1925 bei einem Straßenbahnunfall ein Bein verloren. Am 22. Januar 1942 wurde er in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz mit Giftgas ermordet.
Das Gebäude, in dem August Gänswein lebte, gehört heute der Gewofag. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft nimmt dies zum Anlass, sich mit der Münchner Erinnerungskultur zu beschäftigen. Gewofag-Azubis werden sich unter fachlicher Anleitung im zweiten ihrer drei Ausbildungsjahre mit den Biografien ehemaliger Bewohner auseinandersetzen, die in der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Am Ende der Recherche werden Erinnerungszeichen an ihren einstigen Wohnorten angebracht. Im Juli sollen als erstes Ergebnis des Projekts Gedenktafeln an der Wendl-Dietrich- und der Arnulfstraße angebracht werden.
Die Vorgeschichte zu den Erinnerungszeichen in München ist immer wieder mit engagierten Projektarbeiten verbunden. Zuletzt erforschten Schülerinnen des Luisengymnasiums die tragischen Schicksale jüdischer Mädchen und Frauen, die während der NS-Diktatur umgebracht wurden. Seit November 2022 geben am Eingang des Luisengymnasiums angebrachte Erinnerungszeichen diesen NS-Opfern Gesicht und Namen. Insgesamt waren es 20 ehemalige Schülerinnen, die zwischen 1908 und 1938 die Schule besucht hatten und von den Nazis ermordet wurden.
Zuvor hatten sich auch Jugendliche der Europäischen Schule München mit den tragischen Lebensgeschichten von vier ermordeten Juden beschäftigt. Aktuell liegen der Stadt noch mehr als 150 weitere Anträge für während des NS-Regimes ermordete Menschen vor. Insgesamt verloren während der NS-Diktatur etwa 10 000 Münchner aufgrund rassistischer, politischer und religiöser Verfolgung oder wegen ihrer sexuellen Orientierung ihr Leben.