Genossen in Finanznot

von Redaktion

VON ISABEL WINKLBAUER

Wohnbaugenossenschaften sind Garanten für günstiges Wohnen. Eigentlich. Doch jetzt schlägt die allgemeine Kostensteigerung – unter anderem wegen des Ukraine-Krieges – auch hier voll durch. Zusätzlich dürfte die Zinsentwicklung nicht spurlos an den Genossen vorbeigehen. Mehrere der sozialen Bauträger erhöhen deshalb ihre Mieten. Sowohl Wogeno als auch Wagnis und die Wohnungsgenossenschaft München West kündigen Preissteigerungen an. „Es wird Zähneknirschen geben“, sagt Thomas Kremer, Vorstand der Wogeno, „die Belastungen sind groß. In der Massivität, wie wir jetzt erhöhen, ist das außer der Reihe.“

Wie hoch genau die Quadratmeterpreise steigen, erfahren die Wogeno-Mitglieder am heutigen Montag in einer Online-Konferenz. In einem Schreiben kündigt die Genossenschaft schon an: „Die stark gestiegenen Energie- und Baukosten, die immer noch steigenden Zinsen und Verbraucherpreise und Lohnerhöhungen setzen uns unter Druck. Daher sehen wir uns gezwungen, die Nutzungsgebühren im Bestand in den nächsten Monaten anzupassen.“

Bei Wagnis bezahlen die Bewohner der Projekte Wagnis Art, Wagnis 3 und Wagnis 4 bald mehr als bei ihrem Einzug, wobei es vor allem die Mieter von frei finanzierten Wohnungen trifft. Sie haben es künftig mit 14,30 Euro pro Quadratmeter zu tun (aktuell: 13 Euro). Das liegt zwar immer noch spürbar unter dem Markt-Durchschnitt, aber die Werte nähern sich an.

Auch die Wohnungsgenossenschaft München West erhöht stärker als sonst. „Bei uns steigen die Mieten turnusmäßig alle zwei Jahre“, sagt Vorstand Thomas Schimmel, „diese Erhöhung hat letztes Jahr schon sechs Prozent betragen statt vier wie noch 2020.“ Das allerdings von einem niedrigen Sockel aus – bei der München West liegt der Preis im Schnitt noch bei 6,80 Euro.

„Das Hauptproblem sind die Zinsen“, sagt Natalie Schaller, Leiterin der städtischen Mitbauzentrale. „Gerade jüngere Wohnungsgenossenschaften stemmen Projekte nicht aus Eigenkapital, weil sie ihre Grundstücke nicht beleihen können. Inzwischen zahlt man für Darlehen aber drei Mal so viel wie vor einem Jahr.“ Was für die Zinsen anfällt, fehlt dann bei Betrieb und Instandhaltung der Bestandsbauten, die ebenfalls teurer werden – weshalb die Mieter einspringen müssen.

Die Genossenschaften erhöhen aber nicht nur die Mieten: Sie bauen auch nicht mehr. Obwohl man die Ausschreibung lange erwartet hatte, bewarben sich 2022 zum Beispiel weder Wogeno noch Wagnis noch München West um ein Grundstück im Neubaugebiet Neufreimann. Eine dichte Bebauung mit Hochhäusern und Einzelhandel bedeutete ein zu hohes Kostenrisiko. Zwar hat die Stadt im Februar ein Hilfspaket über 270 Millionen Euro für laufende Bauprojekte mit Niedrigmieten beschlossen (wir berichteten). Dieses kam aber für viele Genossenschaften, die in Neufreimann oder auch im Kreativquartier an der Dachauer Straße gern zugeschlagen hätten, zu spät. Die Planungsstopps sind unvermeidlich, Mieterhöhungen auch. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) sagt: „Für die Stadt sind die Wohnbaugenossenschaften als langfristige Partner wichtig.“ Gleichzeitig fühlt sie mit den Bewohnern: „Wenn Mieten steigen, dann ist das natürlich immer bedauerlich.“

Die Mitbauzentrale vertraut nun darauf, dass der städtische Rettungsschirm zumindest für künftige Ausschreibungen greift. „Die renommierten Genossenschaften werden bestimmt wieder mitmachen, wenn in ein paar Monaten die nächsten Grundstücke in Freiham und in Neufreimann ausgeschrieben werden“, sagt Natalie Schaller. Die Wogeno zumindest teilt diesen Optimismus nicht. „Die Anstrengungen der Stadt sind anerkennenswert“, sagt Vorstand Kremer, „aber wir bauen gerade mit Anstrengung ein Projekt in Freiham fertig. Alles Weitere können wir uns in den nächsten Jahren nicht leisten.“

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