Wie die Stadt Pflegekräfte lockt

von Redaktion

VON REGINA MITTERMEIER

Die Jagd läuft schon lange: Weil Fachkräfte in der Pflege fehlen, versuchen Einrichtungen schon seit Jahren verzweifelt, Personal an- und abzuwerben. Dafür greifen sie auch tief in die Tasche, wie das Beispiel München Klinik zeigt. Schon 2018 warben die städtischen Krankenhäuser mit satten 8000 Euro Prämie. Nun setzen sie noch eins drauf! Pfleger kriegen mehr Urlaub und mehr Geld, heißt es in einer neuen, riesigen Plakat-Kampagne, mit der die Klinik gerade wirbt.

Auch Christina Wagner prangt groß auf einem der Plakate, die unter anderem in Münchens U-Bahnhöfen zu sehen sind. Die 23-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet in der Klinik Schwabing. Wie einige ihrer Kollegen erzählt auch sie in der Kampagne, warum sie ihren Job liebt (siehe Kasten).

Ihr Arbeitgeber lockt auch mit vielen Zuckerl: Wer nach seiner Ausbildung in einem der Krankenhäuser (Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach, Schwabing oder Thalkirchner Straße) bleibt, bekommt 5000 Euro Übernahmeprämie. Wer von einem der rund 3000 Klinik-Pfleger angeworben wird, erhält bis zu 4000 Euro. Und das ist noch nicht alles: Wer in der anstrengenden Wechselschicht pflegt, kriegt bis zu zehn Tage zusätzlichen Urlaub. Zudem soll im ersten Halbjahr 2023 eine Kita für Kinder von Mitarbeitern eröffnen – und die Liste an Vorteilen geht noch weiter. Erst am Freitag beschloss der Aufsichtsrat der München Klinik zudem: Mitarbeitende bekommen auch das 49-Euro-Ticket gezahlt.

Hans Kopp macht das Sorgen. „Die Preisschraube dreht sich weiter nach oben – und wir stehen als Träger mit dem Rücken zur Wand“, sagt der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) München. Denn: Mit solchen Prämien, wie die München Klinik sie zahlt, kann die AWO nicht mithalten. Die Folge: „In München können wir schon jetzt einzelne Pflegeplätze nicht mehr belegen“, erzählt er. Es fehlt schlichtweg an Mitarbeitenden.

Den Fachkräftemangel spüren viele Branchen. Und die wenigen jungen Kollegen, die nachkommen, suchen sich den attraktivsten Arbeitgeber heraus. In einer teuren Stadt wie München sind Geldprämien für viele verlockend. Das darf nicht so weitergehen, findet Kopp. Sonst bleiben bald noch mehr Betten leer – was katastrophal wäre, weil die Zahl der Pflegebedürftigen rasant steigt, es an Fachpersonal aber mangelt: Eine Studie zeigt, dass allein den Münchner Kliniken in den nächsten zehn Jahren rund 2100 Pflegekräfte fehlen.

Ein weiteres Problem: Wegen des Notstands springen viele Zeitarbeitskräfte in diese Lücke, so Hans Kopp. „Und diese Mitarbeiter sind sehr teuer.“ Denn sie können hohe Löhne fordern – und aus Mangel an Alternativen zahlen viele Träger diesen Preis auch. Kopp fordert daher – wie auch viele Kliniken –, die Zeitarbeit gesetzlich zu beschränken. Ansonsten fallen bald noch mehr Pflegeplätze weg, fürchtet er.

Artikel 5 von 6