Walter Raab (50) geht es heute schlecht. Er hat sich eine Erkältung eingefangen. Adnan Sejdinovic (29) ruft eine Mitarbeiterin an, damit sie dem an Multipler Sklerose erkrankten Mann ein Medikament vorbeibringt. Es fallen nicht viele Worte, aber man merkt die Vertrautheit zwischen den Männern. „Für Burger sterbe ich“, sagt Raab. Beide lachen. Sie kennen sich seit neun Jahren. Raab konnte damals noch laufen, Sejdinovic fasste als Pfleger in München Fuß. Heute ist er stellvertretender Geschäftsführer des Pflegediensts Emma in Sendling, kämpft an Krankenbetten und am Schreibtisch für Alte und Kranke in einem System, das selbst krankt.
578 000 Pflegebedürftige gab es 2021 in Bayern. Laut dem Bayerischen Roten Kreuz könnten es bis 2055 fast eine Million sein – davon 450 000 in der vollstationären und ambulanten Pflege. Es bräuchte 382 500 Pflegefachkräfte – ein Anstieg von 230 Prozent. Dabei müssten schon jetzt Leistungen reduziert oder gar eingestellt werden, warnen Wohlfahrtsverbände. Derzeit kommen auf 100 freie Stellen nur noch 33 arbeitslose Pflegefachleute.
Immer mehr Pflegebedürftige wollen zu Hause versorgt werden (s. Kasten). Bei Emma betreuen rund 20 Pflegekräfte, darunter vier Fachkräfte, aktuell 65 Pflegebedürftige. Bis zu 20 Kunden am Tag besucht ein Mitarbeiter in einer Schicht. Arbeit im Akkord: Waschen, Blutzucker messen, Kompressionsstrümpfe ausziehen, einkaufen. Dazu kommt der Stadtverkehr, die Parkplatzsuche. Die Arbeit ist anstrengend, körperlich wie mental. „Viele Kunden sind einsam, wollen reden“, so Sejdinovic. Doch die Kassen geben den Takt vor: „Bei Kunden, die diese Leistung nicht explizit gebucht haben, wäre das abrechnungstechnisch nicht korrekt.“
Raab war mal Metzger. Der einst gestandene 90-Kilo-Mann ist heute ein Schatten seiner selbst. Er hat Pflegegrad 4. Etwa 5000 Euro kostet seine Pflege im Monat. „Welche Kosten übernommen werden, hängt davon ab, wie viel Hilfe ein Mensch braucht und ob und welchen Pflegegrad er hat“, sagt Sejdinovic.
Zu Gertraud S. kommen die Pflegerinnen dreimal in der Woche. Sie helfen ihr beim Duschen, machen das Bett und richten Medikamente an. „Ich bin froh, dass ich diese Hilfe habe“, sagt die 88-Jährige. Nicht alle Kunden könnten sich die Hilfe leisten, die sie bräuchten: „Wir kommen dann zum Beispiel nur morgens, aber eigentlich ist auch abends Hilfe notwendig. Im besten Fall springen Angehörige ein“, sagt Sejdinovic.
Die Not ist groß. Auf beiden Seiten: „Arbeitnehmer in der Pflege sind so krank wie in keiner anderen Berufsgruppe“, sagt Joachim Görtz, Landesleiter beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). „Wenn sie nur so oft krank wären wie alle anderen, könnten wir in Bayern 3700 Vollzeitstellen schaffen.“ Präventionspotenzial nennt sich das. Es ist neben den Faktoren Ausbildung und Zuzug von Arbeitnehmern aus dem Ausland eine der drei Stellschrauben, an denen man drehen müsse, um das Pflegesystem zu retten. Görtz: „Es reicht nicht, den Status quo zu halten.“
Ein Problem ist für Sejdinovic die Bürokratie. Das Entlassungsmanagement aus den Kliniken sei schlechter geworden, sagt er. „Patienten werden nach Hause geschickt, ohne Rezept, ohne Information.“ Also klemmt er sich ans Telefon, schreibt E-Mails. Dazu kommen (kostenlose) Antragshilfe für Kunden, Schriftverkehr mit Ärzten und Kassen. Die Abrechnung ist komplex. Abgerechnet werden entweder Einzelleistungen (zum Beispiel Kämmen: 3,07 Euro; Teilwaschen: 6,14 Euro) oder mehrere Leistungen werden als Komplexgebühr zusammengefasst. Manche Kosten seien zu niedrig angesetzt, findet Sejdinovic. Wie das Stellen von Medikamenten (6,87 Euro). „Es kostet je nach Erkrankung viel Zeit.“ Oder die Fahrtkostenpauschale. Sie beträgt 5,12 Euro, egal wie weit die Anfahrt ist. Für eine Erhöhung kämpft der bpa vor dem Hintergrund steigender Spritkosten seit Langem.
Einen kleinen Erfolg gibt es: Wegen der krisenbedingt hohen Energiekosten sollen ambulante Pflegeeinrichtungen jetzt eine Förderung vom Freistaat erhalten. Görtz hofft, dass Pflege- und Krankenkassen diesem Vorbild folgen.