Ausnahmezustand in der Zentrale der Siemens Betriebskrankenkasse (BKK) auf der Schwanthalerhöhe in München: Bereits seit zwei Wochen müssen die Mitarbeiter ihre Kunden bei wichtigen Anliegen vertrösten, weil sie nur unter starken Einschränkungen auf ihre Computerprogramme zurückgreifen können. Hintergrund ist ein massiver Cyberangriff auf den IT-Dienstleister der Siemens BKK.
Die Firma Bitmarck, die unter anderem eine Dependance in München mit Sitz in der Putzbrunner Straße in Neuperlach betreibt, musste ihr Münchner Rechenzentrum komplett vom Netz nehmen. Die Siemens BKK ist mit mehr als einer Million Versicherter Deutschlands größte Betriebskrankenkasse und zählt zu den größeren gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland.
Bitmarck arbeitet aber nicht nur für die Siemens BKK, sondern ist auch ein wichtiger Dienstleister für weitere Krankenversicherungen wie etwa die hkk, die Mobile BKK, die DAK, die KKH und weitere Unternehmen. In welchem Ausmaß die einzelnen Versicherungen betroffen sind, ist unklar. Die Cyberattacke ereignete sich bereits Ende April. Die Frühwarnsysteme hätten angeschlagen, teilte Bitmarck mit.
Die Folgen des Hackerangriff treffen mehrere Krankenkassen ins Mark – aber die Siemens BKK besonders hart. „Um Ihnen einen exzellenten Kundenservice bieten zu können, haben wir viele Systeme und Services bei einem Dienstleister, Bitmarck am Standort München, zusammengefasst. Dies führt aktuell leider dazu, dass die SBK besonders stark unter dem Cyberangriff leidet. Für den Wiederaufbau steht Sicherheit an erster Stelle. Allein die sorgfältige Überprüfung von Servern und allen Computern nimmt mehrere Wochen in Anspruch“, teilt die Betriebskrankenkasse auf ihrer Homepage mit.
In der Folge brauchen die Versicherten der Siemens BKK derzeit viel Geduld, darunter die Oberschleißheimerin Susanne H. (41). Sie ist seit ihrer Geburt bei der Münchner Betriebskrankenkasse versichert, ihr Vater hat bei Siemens gearbeitet. „Ich bin immer zufrieden gewesen mit dem guten Dienstleistungspaket, doch momentan ist ein moderner Service nicht vorhanden. Seit zwei Wochen ist es nicht einmal möglich, der Siemens BKK eine E-Mail zu senden, sie kommen immer wieder als nicht zustellbar zurück“, berichtet die zweifache Mutter in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Für ihren Sohn (15) wollte sie für einen Ferienjob einen Sozialversicherungsausweis beantragen. Vergeblich.
Für ihre Versicherten bietet die Siemens BKK zwar eine Notfallnummer an, aber diese ist offenbar heillos überlastet: „Ich habe dort zweimal versucht durchzukommen, aber nach mehreren Minuten in der Warteschleife wieder aufgegeben.“
IT-Dienstleister Bitmarck kann seinen Kunden allerdings keine Hoffnung auf eine schnelle Lösung des Problems machen: „Sämtliche IT-Sicherheitsexperten empfehlen, Sicherheit vor Schnelligkeit walten zu lassen. Wir überlassen nichts dem Zufall, sondern untersuchen jeden Schritt auf mögliche Risiken und sichern jede Maßnahme so weit wie möglich.“
Ein Ende der Störungen sei derzeit noch nicht in Sicht, räumt Bitmarck in einer Erklärung auf seiner Homepage ein: Es werde „auf absehbare Zeit zu Einschränkungen im Tagesgeschäft kommen“. ANDREAS BEEZ