Lindemann soll übergriffig gegenüber Frauen sein, die Band ein perfides Groupie-System praktizieren, so die Vorwürfe. Unsere Zeitung fasst das Wichtigste zusammen.
• Was für eine Band ist Rammstein? Rammstein („Engel“, „Du hast“) gilt als erfolgreichster deutscher Kulturexport, verdiente auf der ganzen Welt Goldene Schallplatten. Seit ihrer Gründung 1994 sind Lindemann & Co., die brachialen Deutschrock machen und gerne mit martialischen Videos schocken, umstritten. Ihnen wurde mehrfach Rechtsextremismus vorgeworfen, die Musiker selbst bezeichnen sich als links. Der NRW-Verfassungsschutz stufte die Band nicht als rechtsextrem ein.
• Was passiert in München? Die Musiker sind auf großer Europatour: Am 7., 8., 10. und 11. Juni spielen Rammstein im vier Mal ausverkauften Olympiastadion. Wie immer soll es eine Pyrotechnik-Show mit Feuer und wilden Kostümen geben. Mit dabei ist das Duo Abélard, das Rammstein-Hits auf dem Piano interpretiert.
• Das sind die Vorwürfe: Die Irin Shelby L. alarmierte nach dem Tournee-Start in Vilnius die Polizei: Obgleich sie kaum getrunken hatte, leide sie nach einer Party im Backstagebereich unter Gedächtnislücken, sei mit blauen Flecken am Körper aufgewacht. Womöglich seien hier Betäubungsmittel im Spiel gewesen. Zuvor habe Lindemann sie in einer Konzertpause zum Sex aufgefordert und sei aggressiv geworden, als sie ablehnte.
Andere Frauen berichteten inzwischen Ähnliches, zum Beispiel von unfreiwilligem Sex, der nur deshalb widerstandslos geschah, weil Till Lindemann sie mit seiner Promi-Aura überrumpelte. Der Knackpunkt: Die Sache hatte angeblich System. Frauen berichten von einem mehrstufigen Casting, mit dem sie via Facebook und Instagram in einen speziellen Frauenbereich im Konzert gelockt wurden, der „Row Zero“ direkt vor der Bühne. Eine Art Mädchen-Managerin namens Alena M. soll ihnen kostenlosen Eintritt, Getränke und Treffen mit der Band versprochen haben. Insbesondere Treffen mit Till Lindemann, teils auch intimen Sexkontakt mit ihm, wurden angepriesen.
• Was sagt die Band? Ende Mai posteten die Musiker auf Twitter zu den Vorfällen in Vilnius: „Wir (können) ausschließen, dass sich, was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat. Uns sind keine behördlichen Ermittlungen dazu bekannt.“ Und wenig später auf Instagram: „Wir verurteilen jede Art von Übergriffigkeit und bitten: Beteiligt euch nicht an (…) Vorverurteilungen (…) denen gegenüber, die Anschuldigungen erhoben haben. Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge. Wir (…) haben aber auch ein Recht – nämlich (…) nicht vorverurteilt zu werden.“
• Was passiert jetzt? Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat die Zusammenarbeit mit Till Lindemann aufgekündigt. Seine Gedichte, die er bei dem Verlag veröffentlichte, haben nach den Sex-Vorwürfen neue Brisanz (siehe oben). Ob das Online-Pokerportal GG Poker, das kürzlich einen Kunst-Werbefilm mit Lindemann drehte, zu ihm steht, war bis Redaktionsschluss nicht zu klären.