Yoni Carmi ist geschockt. Als er am frühen Mittwochnachmittag zu seiner Bar im Glockenbachviertel kommt, steht die Polizei vor der Tür. Ein Passant hat zuvor im Eingangsbereich der „Prosecco Bar“ an der Hauswand Schmierereien entdeckt und die Beamten verständigt. Schmierereien der übelsten Sorte: „Schwule Juden Sau raus“ – darunter ist ein Hakenkreuz gekritzelt. Auf der anderen Seite des Eingangs befindet sich ein durchgestrichener Davidstern.
Antisemitische und homophobe Hetztiraden, die an die schlimmsten Zeiten der deutschen Geschichte erinnern. Mitten in München, wenige Tage vor dem Christopher Street Day (CSD), wenige Tage, nachdem in Wien ein Terroranschlag auf die Regenbogenparade verhindert wurde, und eine Woche nach dem traurigen Spektakel um eine „Drag-Lesung für Kinder“ in der Stadtbibliothek.
Noch am Tag danach ist Yoni Carmi fassungslos, weil er dergleichen in Deutschland noch nie persönlich erlebt habe. Und der gebürtige Israeli – er hat mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft – lebt schon seit vielen Jahren hier. Der oder die Täter müssen wohl gewusst haben, dass Carmi Jude und homosexuell ist. Das Kommissariat 44 des Polizeipräsidiums für Staatsschutzdelikte hat die Ermittlungen übernommen.
Carmi sagt, er habe keine Angst, er verspüre nur Wut. Die schrecklichen Schmierereien – sie wurden von der Polizei schnell entfernt – hat er selbst auf Instagram gepostet. „Man muss darüber reden, man kann mit Menschen so nicht umgehen. Sonst kehren wir in die 30er-Jahre zurück“, erklärt der Produzent für Theatershows im Gespräch mit unserer Zeitung. Es dürfe keine Ausgrenzung geben. Seine Eltern hätten das KZ überlebt, viele andere Familienmitglieder seien jedoch von den Nazis ermordet worden.
Die „Prosecco Bar“ ist ein Treff der queeren Szene. Es gibt sie seit mehr als 40 Jahren, auch Freddie Mercury hat hier schon gefeiert. Yoni Carmi betreibt den Club seit Anfang des Jahres. Er hat das Gefühl, dass antisemitische und homophobe Beschimpfungen zunehmen, die Skrupel für derlei Taten abnehmen. Auch die Neigung zu Gewalt wachse. Am Mittwochabend sei es erneut zu einem Vorfall vor seinem Club gekommen. Gäste seien homophob beleidigt worden. Wenige Tage zuvor habe ein Mann vor einer anderen Szene-Bar im Glockenbachviertel randaliert. Und im Vorfeld des CSD seien mehrere der symbolträchtigen Flaggen beschädigt worden.
Im April hatten die Polizei und die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Bayern von einer steigenden Anzahl judenfeindlicher Delikte berichtet. Entsetzt zeigt sich auch der Stadtrat der Rosa Liste, Thomas Niederbühl: „Widerlich! Antisemitismus und rechte Gefahr für LGBTI – das nimmt ganz schön zu in Deutschland und in München“, lässt er via Facebook verlauten. Niederbühl ruft zu Wachsamkeit und Widerstand auf: „Wenn es eine*n trifft, trifft es uns alle!“ KLAUS VICK