Heiße Debatte um mehr Hitzeschutz

von Redaktion

VON DANIELA POHL UND JOHANNA KRAUSE

Robert Dressel schwitzt. Der Straßenbauer schuftet in der prallen Sonne am heißesten Ort von München – laut Klimaanalyse der Stadt kann das Thermometer nahe der U-Bahnstation Am Hart auf bis zu 38 Grad klettern (Luft in zwei Metern Höhe an einem wolkenlosen Sommertag). Das ist Hitzerekord.

Doch in vielen anderen Bereichen ist es kaum kühler – die Hitzeinseln in der Stadt nehmen zu. Auf der Klimakarte leuchten weite Teile dunkelrot. An diesen Orten herrschen Temperaturen zwischen 35 und 37 Grad. Und: Nachts kühlt es kaum ab. „Besonders stark betroffen sind die Stadtviertel innerhalb des Mittleren Rings, wo die Versiegelung hoch ist und es wenig Grün gibt“, sagt Martin Hänsel, Geschäftsführer vom Bund Naturschutz in München. Um die Lebensqualität in München zu erhalten und die Bevölkerung vor Gesundheitsschäden zu bewahren, müssten Betonwüsten entsiegelt und mit Grün bepflanzt werden. „Wir brauchen tausende neue Bäume, so schnell wie möglich“, sagt Hänsel. Und weil die Natur ihre Zeit brauche, die Bäume etwa 50 bis 80 Jahre alt sein müssen, um überhaupt die Klimawirkungen leisten zu können, sei Eile geboten.

Untersuchungen der Stadt zeigen, dass die Zahl der Bäume in München zuletzt kontinuierlich abgenommen hat. Fast die Hälfte der Münchner Fläche ist versiegelt. Allen voran die Altstadt. Auf dem Marienplatz schmeckt zwar das Eis, bringt aber kaum Abkühlung. Ähnlich ist es auf dem geteerten Teil der Theresienwiese, auf der Pettenkofer- und der Schwanthalerstraße. Dicht besiedelte Wohngegenden wie in der Messestadt oder Neuperlach sowie gewerblich geprägte Regionen (das BMW-Areal, Teile Obersendlings) sind ohnehin Hitzeinseln.

Münchens grüne Lungen verschaffen zwar Abkühlung, aber nur in unmittelbarer Nähe. „Die klimatisierende Wirkung des Englischen Garten reicht beispielsweise etwa 200 Meter in die Außenbereiche“, so Hänsel.

Frischluftschneisen helfen. Doch die kühlen Luftströme sind nach Ansicht von Umweltschützern bedroht. „Es gibt mehrere Bauprojekte, die unter klimatischen Bedingungen extrem bedenklich sind“, sagt Hänsel. Etwa in Thalkirchen, wo im Rahmen der Klinik-Erweiterungen drei Hochhäuser entstehen sollen – „mitten in der Haupteinfließschneise für die kühle Luft“. In Solln kämpfen Bürger gegen eine Nachverdichtung auf dem Warnberger Feld.

Die Hitze und mögliche Gegenmaßnahmen sind immer wieder Thema im Stadtrat – unter anderem wurde schon über große Sonnensegel und Wasser-Sprühanlagen in der Innenstadt diskutiert. Außerdem wird gerade eine App erprobt, in der jeder kühle Plätze eintragen kann.

Doch Kritikern reicht das nicht. Hänsel nimmt OB Dieter Reiter und den Stadtrat in die Pflicht: Sie seien „die letzte Generation“, die noch selbst beeinflussen könne, mit welchem Beitrag München sich in das Goldene Buch der Klimazukunft verewige, sagt der Naturschützer – und wird konkret: „Wir reden über Parkplätze und Fahrspuren. Rechts und links eine Spur weg, und da wird dann eine Baumallee hingepflanzt.“ Der aktuelle Streit um einzelne Parkplätze verstelle den Blick „auf die Größe der zu bewältigenden Aufgabe“.

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